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Spurschaden

Spurschaden

Titel: Spurschaden
Autoren: Simon Halo
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1
    Zwei kleine Hände umklammerten sich im Schnee. Die Augen waren offen, zum Himmel gerichtet. Schon seit etlichen Tagen lag die Temperatur weit unter dem Gefrierpunkt, und die meisten Kinder hielten sich dort auf, wo es wärmer war: in den Häusern, bei ihren Eltern. Dicke Winterkleidung konnte die menschlichen Körper einige Zeit vor dem Erfrieren schützen, machte die jetzige Position – auf dem Rücken liegend – überhaupt erst möglich.
    »Du musst fester drücken, sonst funktioniert das nicht!«, sprach Esther laut und betont.
    »Das ist doch Schwachsinn! So etwas gibt es nicht!« Silkes Händedruck wurde schwächer.
    »Natürlich! Beim Radio funktioniert es doch auch!«
    »Beim Radio?«
    »Jaaa!«
    »Du willst mich nur wieder verarschen! Was hat denn das Radio damit zu tun?«
    »Das ist doch so etwas Ähnliches. Da werden auch Dinge lautlos übertragen; durch die Luft. Wir haben sogar direkten Kontakt. Wir müssen das halt erst üben. Und irgendwann können wir das auch ohne feste Verbindung!«
    »Du meinst, selbst dann, wenn wir weit auseinander stehen?«, fragte Silke ungläubig.
    »Jaaa! Genau das habe ich in dieser Zeitschrift gelesen. Gefühle, Gedanken – echte Zwillinge können das! Die können sich gegenseitig wahrnehmen, können fühlen, was der andere fühlt, selbst wenn sie viele Kilometer voneinander getrennt sind!«
    Silke dachte kurz nach. Dann drückte sie so fest wie möglich Esthers Hand. Lange Sekunden. Zittern. Schweigen. Nichts geschah. Keine Gedankenübertragung. Gerade wollte Silke ihre Schwester zur Rede stellen, als ein Gong erklang. Weit entfernt, aber doch mehr als deutlich hörbar. Genervt lösten die Kinder ihre Hände voneinander, streiften wieder die Handschuhe über, standen auf und schüttelten die Kleidung aus. Eilig bahnten sie sich den Weg durch den Schnee, zurück zum Internat; zurück in die Wärme.
    »Na, das habt ihr gerade wieder so geschafft. Pünktlich auf die letzte Sekunde! Was war es dieses Mal? Lasst mich raten! Eine Fee. Es geht um eine blinde Fee ohne Flügel, die eure Hilfe braucht und euch deshalb in den Wald gerufen hat, stimmt’s?« Die Novizin deutete vor der Schulkapelle mit gestrecktem Zeigefinger auf die Zwillinge. Das breite Grinsen in deren Gesichtern verriet die Zuneigung, die die Kinder mit der Erwachsenen verband. Gespannt erwartete Marie eine dieser originellen Ausreden, doch Pater Johann wusste dies zu verhindern – seine Stimme kündigte entschieden den Beginn der sonntäglichen Bibelstunde an. Der unangreifbare Blick der zwei Schülerinnen streifte kurz den der jungen Novizin, und schon verschwanden sie im kleinen Gotteshaus.
    Marie erinnerte sich an ihre eigene Kindheit. Sie hatte keine Geschwister gehabt, doch immerhin eine echte Mutter. Ob es für Waisenkinder ein Segen war, wenn sie gleich ohne Eltern aufwuchsen und diese enge Bindung sich erst gar nicht formen konnte? Das war eine der Fragen, die Marie sich immer wieder stellte, wenn sie mit ihren Gedanken tief in den Augen all dieser Waisen versank. Doch dann schreckte sie wieder der andere Gedanke auf: Morgen. Da würden nicht nur die Erwachsenen ihr die Hand schütteln und zum Geburtstag gratulieren. Nein, sicher auch etliche der unschuldigen kleinen Kinderhände. Sie alle würden die Stelle berühren, die vor langer Zeit der Teufel berührt hatte.
    Natürlich haftete schon lange nicht mehr die kleinste Spur des Bösen auf ihrer Haut – die unzähligen Waschvorgänge und spirituellen Reinigungen der Hände mussten längst sämtliche Spuren beseitigt haben. Und doch, tief in ihrem Inneren war da noch immer das Gefühl von Unreinheit und Schmutz auf ihrer Handinnenfläche. Der Geheimtipp ihrer damaligen besten Freundin, deren Spruch, dass jeder Mensch fast täglich mit unreinen Dingen in Berührung kommt – spätestens beim Arsch abwischen –, war ihr schon damals nicht wirklich hilfreich vorgekommen. Nur Sandra, die hatte den Vergleich irgendwie passend gefunden. Doch mit dem fleischgewordenen Teufel kam ein normaler Mensch auch nicht alltäglich in Kontakt.
    Die während Maries freiwilligem sozialen Jahr vorhandenen Ausscheidungen der hilfebedürftigen Menschen waren dagegen absolut rein gewesen, natürlich. So hatte sie auch die gefragte Arbeitsstelle sofort zugesagt bekommen. Junge Frauen, die ohne Ekel dort zupackten, wo andere ihr Gesicht verzogen, fand man nicht jeden Tag. Dass Marie allerdings nur Frauen an allen erdenklichen Körperstellen so unbedarft pflegen und

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