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Spurlos

Spurlos

Titel: Spurlos
Autoren: Manuela Martini
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Australiens zu.
    Schon drei Wochen vorher war ein tropischer Sturm im Anzug gewesen, war dann aber abgedreh,t ohne Schaden anzurichten.
    Zur Wet-Season sind solche Meldungen üblich. Bald bekommt
    die wirbelnde Wolkenmasse einen Namen: Tracy. Sie bewegt sich nur langsam vorwärts, und Gefahr scheint nur für die vorgelagerten Inseln zu bestehen. Doch plötzlich ändert die Wolkenmasse ihre Richtung. Am 24. Dezember, um 9.30 abends ist sie 46 Kilometer in westnordwestlicher Richtung von Darwin entfernt und bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 6 Kilometern in der Stunde auf Darwin zu.
    Das Zentrum des tropischen Sturms wird in den frühen Morgenstunden über Darwin erwartet. Das Wetterbüro gibt unablässig neue Meldungen heraus. Am Mittag des 25. Dezember ist der Zyklon noch immer nicht über Darwin. Warum sollte er nicht abdrehen wie alle Stürme in den vergangen dreißig Jahren?
    Sein Vater will, dass er einen von den drei Truthähnen schlachtet.
    Auch alle anderen Nachbarn machen die letzten Weihnachtseinkäufe und bereiten den Truthahn vor.
    Er hat schon einige Puten, Truthähne und Hühner geschlachtet, auch Hasen, Schweine. Doch sein Vater hat einen besonderen Wunsch.
    „Es ist ein Geschenk für deine Mutter und deine kleine Schwester. Du musst deinen Lieblingstruthahn für sie aussuchen!“
    „Aber …“
    „Was ist? Du willst deiner Mutter nicht deinen Lieblingstruthahn schenken?“
    Sein Vater versetzt ihm einen Stoß in die Rippen. „Na, komm schon.“
    Der Junge nickt.
    „Gut, dann tu’s jetzt.“
    Er sucht den hässlichsten Truthahn aus, den er am wenigsten mag. Der hat einen besonders langen und hässlichen Hals, drängt sich stets vor die anderen. Als das Beil den Hals durchhackt, zittert die Erde unter seinen Füßen.
    Am 26. Dezember wacht er am frühen Morgen plötzlich auf und sieht vom Bett aus dem Fenster. Und da ist es: ein rotierendes gelbes Glühen am Himmel. Später werden manche sagen, es sei das Auge des Teufels gewesen. Aber er weiß es besser: Es ist Gottes zorniges Auge.
    Die ersten Winde decken Häuser ab, reißen Äste herunter, lassen Fenster platzen, hebeln Türen aus, wirbeln Mülltonen über die Straße. Dann erst kommt der verheerende Sturm, der alles, was herumliegt, zu tödlichen Geschossen macht.
    Ein Brüllen erhebt sich, lauter, viel lauter als alles, was er bisher gehört hat. Häuser explodieren, Autos überschlagen sich. Jeder sucht Schutz, irgendwo unter einem Tisch, unter einem Bett, in einer Garage. Er liegt unter dem Tisch auf der Terrasse als seine Mutter mit seiner Schwester auf dem Arm auf ihn zugelaufen kommt. Sie läuft und läuft … Es ist ein Stück Wellblech, wie ein Urvogel schießt es heran. Er sieht es, reißt noch den Mund auf, schreit, aber gegen das Brüllen kommt er nicht an. Das Blech schneidet der Mutter den Bauch auf, reißt seiner Schwester den Kopf ab.
    Gott bestraft uns für unsere Sünden. Er hat das falsche Tier geschlachtet. Er hat Gott getäuscht, und dafür hat Gott ihn bestraft.
    Tage später hört er die Stimme seiner Mutter.
    „Warum hast du das getan? Du dummer Junge!“ Seine Mutter schließt langsam und müde die Augenlieder. „Ich hätte so gern noch weitergelebt. Und dein kleines Schwesterchen …“
    Von da an schlachtet er einmal im Monat für sie ein Tier. Meist sind es Vögel. Kleine, bunte Vögel, die er mit der Schleuder trifft. In der Bibel hat er Anweisungen zum Brandopfer gefunden. Am ersten Jahrestag ihres Todestages schlachtet er eine Katze. Er zieht mit seinem Vater nach Bathurst Island, weil der dort die Wetterstation betreuen soll.
    Das Töten geht immer leichter. Es geht irgendwann zu einfach, und seine Mutter wird böse.
    „Wenn es dir nicht leidtut um das Wesen, dann ist es kein Opfer. Dann will ich es nicht“, hört er sie sagen. Im nächsten Jahr ertönt die Stimme seiner kleinen Schwester.
    Sie wi ll einen Spielkameraden. Er macht sich auf die Suche. Das kleine Mädchen ist allein im Garten…
    Sein Freund, der Aborigine, hilft ihm …
    Und dann kommen die Frauen. Immer, wenn ihm eine gefällt, dann fordert sie seine Mutter als Opfer.
    „Bring’ sie mir!“, hörte er sie jetzt flüstern und er weiß sofort, wen sie meint ...

    Tamara beugt sich zu ihm. Er muss ohnmächtig geworden sein, denkt sie noch, als sein Oberkörper auf sie zuschnellt und sie rücklings auf den Boden wirft, als seine Hände ihren Hals würgen und sein Knie in ihren Unterleib rammt. Ihre rechte Hand zerrt die Beretta aus der

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