Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Spur ins Nichts - Ein Jack-Irish-Roman

Spur ins Nichts - Ein Jack-Irish-Roman

Titel: Spur ins Nichts - Ein Jack-Irish-Roman
Autoren: Peter Temple
Vom Netzwerk:
sagte er. »Dicker Hintern. Und das Gesicht. Obwohl Bill ziemlich hart war.«
    Ich schaute an mir selbst hinunter, ein Anblick, der mir allerdings wenig Vergnügen bereitete. »Na ja«, sagte ich, »ich bin auch ein bisschen älter, als er war.«
    Der Mann dachte darüber nach. »Trotzdem«, sagte er, »bisschen weich.«
    Mir fiel keine schlagfertige Entgegnung ein.
    Er nahm den Stock in die andere Hand und streckte die Rechte aus. Eine große Hand mit geschwollenen Knöcheln. »Des Connors. Hab Sie schon in Ihrer verdammten Wiege liegen sehen. Hatte keine Ahnung, was später aus Bills Familie geworden ist. Dann denk ich, ich brauch 'nen Anwalt, guck ins Telefonbuch und seh diesen John Irish.«
    Wir gaben uns die Hand. Das Alter hatte seinen Händedruck noch nicht ganz geschwächt. Ich schloss die Tür auf, geleitete ihn hinein, bot ihm einen Sitzplatz an. Er stellte die Aktentasche auf seinen Schoß und schaute sich in dem spartanisch eingerichteten Zimmer um. »Wie geht's?«, fragte er. »Mum noch gesund?«
    »Tot.«
    Des schüttelte den Kopf. »Passiert«, sagte er. »Schade. War schon 'n Hingucker. Ehrenwort. Weiß noch, wie Bill sie entdeckt hat. Wir haben an dem Laden da gebaut, Melbourne Uni, direkt nach dem Krieg, oben auf dem Gerüst, heißer Tag, erste Woche der Football-Saison. Kann dann noch verdammt heiß sein. Kann natürlich auch schon verdammt kalt sein. Egal, ein Trupp Mädels, drei oder vier, reich, sehr schlau. Nicht die Sorte Mädchen, mit denen wir tanzen gegangen sind, das kann ich Ihnen sagen. Die kommen also da vorbei, setzen sich auf das Stückchen Gras, genau da unten, wo wir sie sehen können, wie wir da oben auf'm Gerüst stehen mit den verdammt großen Steinen. Also, ich hab ja keinen Blick riskiert, 'n verheirateter Mann, grad aus'm Krieg zurück.«
    »Nein«, sagte ich, »natürlich nicht.«
    »Na ja, man muss aber mal 'n Blick riskieren, oder? Nur mal 'n Blick. Schad ja nix, oder?«
    »Schadet ganz und gar nichts«, bestätigte ich.
    »Nein. Ich sag Ihnen was, jeder Kerl, der 'n ganzer Kerl ist, hätt einen Blick auf Ihre Mum riskiert, entschuldigen Sie, wenn ich das so sag. Bezauberndes Mädchen, Haar wie Kupfer.« Sein Blick bekam etwas Entrücktes. »Damals wurd immer noch bisschen Kupfer verbaut. Kupfer und Blei. Hält ewig, das Zeug, wissen Sie. Trotzt den Elementen. Heute ist alles Müll. Verdammtes Plastik.«
    »So hat er meine Mutter kennen gelernt?«
    »Ein Charakter, der Bill, ein Charakter. Klar, hat die Schule zu Ende gemacht. Klug. Hätte alles werden können. Doktor, einfach alles. Hatte auch Witz, manchmal wär'n wir beinah von dem verdammten Gerüst gefallen, so ha'm wir gelacht.«
    »Was ist dann passiert?« Ich hatte noch nie von all dem gehört. Meine Mutter hatte nie mit mir über meinen Vater gesprochen. Die Einzigen, die mit mir über meinen Vater sprachen, waren alte Anhänger des Fitzroy Football Clubs, und die betrachteten mich als evolutionäre Sackgasse der Familie Irish.
    »Was passiert ist? Oh. Na ja, Bill guckt rüber und er sagt, mit so ganz ernster Stimme sagt er: ›Also Mädels, lest uns hart arbeitenden Männern mal was Aufmunterndes vor.‹ Und das Mädchen, Ihre Mum also, verzieht keine Miene, kichert nicht, macht nur das Buch auf und liest laut ein Gedicht vor. Kann mich an kein Wort mehr erinnern, aber es hörte sich schön an.« Des hielt inne, blinzelte ein paar Mal. »Na ja, ist schon lang her.«
    »Erzählen Sie weiter. Sie liest das Gedicht vor. Was dann?«
    »Nichts. Wir haben geklatscht und den Mädels war das ein bisschen peinlich und sie sind weggegangen. Gehörte sich auch nicht für Uni-Mädchen, mit Bauarbeitern rumzuschäkern, damals. Na ja, wir haben dann irgendwann Feierabend gemacht, total verschwitzt und verstaubt, und Ihre Mum kommt ganz allein vorbei. Bill sagt zu ihr, der freche Kerl: ›Kommst du morgen zum Football?‹ Sie sagt: ›Wieso Football?‹ Er sagt: ›Fitzroy schlägt Melbourne haushoch, deshalb Football.‹ ›Sag mir einen guten Grund‹, sagt sie. Bill denkt kurz nach, sagt dann: ›Weil ich für Fitzroy spiele.‹ ›Nicht gut genug‹, sagt sie und ist auf und davon. Na ja, wir haben die dann fertiggemacht, war einer von Bills richtig guten Tagen, und ich steh da und feuer sie an, als sie reingehen, und seh, wie Bill von den andern weg zum Tor geht, und wer steht da am Zaun?«
    »Meine Mutter.«
    »Genau. Sechs Monate später sind sie verheiratet. Na egal, das wissen Sie ja sowieso alles.«
    »Nein«, sagte
Vom Netzwerk:

Weitere Kostenlose Bücher