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Spielball Erde: Machtkämpfe im Klimawandel (German Edition)

Spielball Erde: Machtkämpfe im Klimawandel (German Edition)

Titel: Spielball Erde: Machtkämpfe im Klimawandel (German Edition)
Autoren: Cleo Paskal , Claus Kleber
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    Es war Weihnachten 1968, ich ein Junge von dreizehn Jahren. Die Stimme des Astronauten Bill Anders im Fernseher klang verzerrt durch ein kosmisches Rauschen. Der Text war zu anspruchsvoll für mein Schulenglisch, aber ich wusste, dass diese Worte in einer Umlaufbahn um den Mond gesprochen wurden, und ich spürte, was für ein magischer Augenblick es war.
    »Gleich wird die Sonne aufgehen über dem Mond«, sagte die Stimme, »und wir, die Crew von Apollo 8, haben eine Nachricht für alle Menschen unten auf der Erde, die wir mit Ihnen teilen wollen.« Nach einer kurzen Pause tauchte dieselbe Stimme wieder aus dem Rauschen auf, eine Lesung begann: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis.«
    Wieder füllte Rauschen eine Pause, als Bill Anders die Bibel weiterreichte an Jim Lovell. In unserem Wohnzimmer starrten meine Eltern, mein kleiner Bruder und ich atemlos auf das fast unbewegte Bild, das sich den Astronauten aus ihrer Kapsel bot: die trostlos graue Oberfläche des Mondes, um den sie kreisten. Dann begann erneut die Lesung. Nie zuvor hatte jemand eine menschliche Stimme aus solcher Entfernung gehört.
    »Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: erster Tag. Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde. So geschah es. Das Trockene nannte Gott Land, und das angesammelte Wasser nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war.«
    Auf diesem Flug entstand eines der berühmtesten Fotos aller Zeiten. Es zeigt leuchtend blau über dem Mondhorizont den Aufgang der Erde aus dem tiefen Schwarz des Weltraums. Für mich hatte dieser Anblick eine große Bedeutung. Meine Kindheit fiel in eine besonders kalte Zeit des Kalten Krieges. Die Gefahr, dass wir unseren Planeten in einen nuklearen Winter bomben würden, war jeden Augenblick präsent. Da erschien das Bild aus dem All wie ein Hilferuf. Es galt, diese zerbrechliche blaue Kugel vor dem kollektiven Wahnsinn der Menschen zu schützen.
    Mehr als vierzig Jahre später stehe ich auf dem Dach eines Hochhauses in der Inneren Mongolei, auf der Hauptverwaltung des chinesischen Stahlriesen Baotou Iron and Steel und sehe die Folgen eines neuen Wahnsinns. So weit das Auge reicht: Kraftwerksblöcke, rauchende Schlote, schwarz-braune Löcher von gewaltigen Minen. Hierher wurde schmutzige Produktion verschoben, für die sich erst Europa und die USA , dann Japan, Taiwan, Hongkong und schließlich Chinas Städte an der Pazifikküste zu schade waren. Wir konnten uns einbilden, dass wir damit nichts zu tun haben, weil es so weit weg ist. Aber hier liegt eine Endmoräne unseres gemeinsamen Industriezeitalters. Wir haben unseren Planeten aufgewühlt und von Grund auf verändert. Nicht mit Atomwaffen, sondern mit Baggern und Schornsteinen, Sägen und Feuer. Es war ein gewaltiges Werk.
    Würde die gesamte Masse der Erde unter ihren derzeit sieben Milliarden menschlichen Bewohnern aufgeteilt, bekäme jeder von uns einen Anteil von eintausend Milliarden Tonnen. Dieses Größenverhältnis lässt den Gedanken zunächst irrsinnig erscheinen, dass das Treiben von uns Winzlingen den Planeten nachhaltig verändern könnte. Und doch ist das passiert.
    Die landwirtschaftliche Produktion ist in den letzten beiden Jahrhunderten durch den Einsatz von Stickstoffdünger geradezu explodiert. Über neunzig Prozent des Pflanzenlebens auf der Erde ist – so wird geschätzt – von Menschen gezüchtet oder beeinflusst. Die schiere Biomasse von Menschen und der von Menschen gezüchteten Rinder, Schweine und Hühner übertrifft bei Weitem die aller anderen großen Tiere. Bäume, Getreide, Gemüse und Tierarten, die allein nach menschlichen Nützlichkeitsmaßstäben gezüchtet wurden, dominieren die Biosphäre. Das in Jahrmillionen in fossilen Brennstoffen gebundene Kohlendioxid wird seit Beginn der Industrialisierung immer schneller freigesetzt und in die Luft geblasen.
    Die Auswirkungen auf den Planeten sind so dramatisch, dass manche Erdwissenschaftler – Geologen, Klimatologen und Stratigrafen (Menschen, die die Erdgeschichte in Äonen, Epochen und Stufen einteilen) – ein neues Erdzeitalter ausrufen wollen. Das Holozän, das vor etwa 11500 Jahren

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