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Spiegelriss

Spiegelriss

Titel: Spiegelriss
Autoren: Alina Bronsky
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Babyfuß
    Ich sehe das Feuer nicht, aber ich spüre seine Nähe.
    Das Rudel hat sich um die Feuerstelle versammelt. Ich halte mich abseits, ich mag keine Ellbogen an meinen Rippen und keine Füße in meinem Gesicht. Ich will nicht, dass jemand mir seinen Kopf auf die Schulter oder auf die Oberschenkel legt, wie es hier alle tun, um sich aneinander zu wärmen. Tief in mir drin weiß ich, dass es vielleicht langsam ganz gut wäre, wenn ich näher an die anderen rücken, mich geselliger und aufgeschlossener zeigen würde. Aber ich kann das nicht.
    Mehr als einmal habe ich schon ein verächtliches Zischen hinter meinem Rücken gehört – dass ich seltsam und eingebildet sei. Dabei gibt es nichts, worauf ich mir etwas einbilden könnte. Niemand hier ist so hilflos und unwissend wie ich. Ich bin dem Rudel dankbar dafür, dass es mich aufgenommen hat. Ohne sie alle wäre ich längst verhungert und erfroren. Aber ich kann mich auch nach Monaten noch nicht dazu überwinden, so zu tun, als wäre ich eine von ihnen.
    Ich liege zusammengerollt auf der Seite, die Knie berühren das Kinn, meine Arme sind um meine Beine geschlungen. Ich höre das Knacken des Brennholzes, der Wind weht den Rauch zu mir rüber.
    Es ist Nacht. Das Rudel ist hungrig. Das ist immer so. Mit leerem Magen kann man schwer einschlafen, deswegen versuchen alle, sich mit Gruselgeschichten von der Leere im Bauch abzulenken. Abwechselnd schrauben sich Stimmen hoch, erkämpfen sich das Rederecht, das sie dann mit blutrünstigen Details verteidigen. Wenn die Spannung nachlässt, wird sofort gemeutert und der abgewürgte Erzähler muss dem nächsten Platz machen.
    »Und dann beschlossen die Pheen, sich an der Normalität zu rächen.«
    Ich lege mir die Hand aufs Ohr, kriege aber trotzdem die Stimme mit, die der Wind zusammen mit dem Rauch von der Feuerstelle zu mir rüberweht. Ich kann das alles nicht mehr hören. Fast alle Gruselgeschichten drehen sich um Pheen. Wenn ich nicht so hungrig und durchgefroren wäre, hätte ich vielleicht noch die Kraft gefunden, darüber zu grinsen. Die Ängste der anderen kommen mir albern vor. Sie wissen nicht, woher der eigentliche Schrecken kommt. Wenn sie wüssten, wo ich bis vor Kurzem noch gewesen bin, würden sie mich garantiert mit etwas mehr Interesse ansehen.
    »Uuuuuuhhhh«, kommt es in einem vielstimmigen Chor. »Nicht immer das Gleiche.«
    Genau, denke ich, drücke die Hand fester auf die Ohrmuschel. Obwohl ich meine Finger schon kaum spüre, scheint das Ohr noch viel kälter zu sein, jedenfalls fühlt es sich an, als würde es gar nicht zu mir gehören.
    »Es ist überhaupt nicht das Gleiche«, verteidigt sich der heisere Erzähler, den ich nicht sehen kann.
    Ich nehme die Hand von meinem Ohr und drehe mich auf die andere Seite. In der Geschichte, die gestern erzählt wurde, haben die Pheen normalen Männern die Herzen geklaut und gegessen. Das kam gut an: Das Rudel lauschte konzentriert wie nie. Ich hatte mein Gesicht versteckt, damit niemand die Grimassen mitbekam, die ich mir nicht verkneifen konnte. In der Geschichte von vorgestern ging es darum, wie die Pheen den Männern Küchenschaben ins rechte Ohr pflanzen. Die merke man dann am Kribbeln im Kopf, erzählte die dünne Stimme und schwor, es von der eigenen Großmutter gehört zu haben, die es persönlich beobachtet habe. Die Küchenschaben würden sich vermehren, das Regiment übernehmen über den Körper und den Normalen von innen auffressen. Bleibt nur die Hülle übrig, verlassen sie den Körper durch den Mund.
    Ich musste kurz würgen, während die anderen zustimmend nickten und sagten, so etwas hätten sie schon gesehen: tote Leute, denen etwas aus dem Mund kroch.
    »Die Pheen hassen die Normalen«, sagt jetzt eine piepsige Stimme ganz nah bei mir. »Deswegen klauen sie ihnen ihre Seelen.«
    »Die Normalen hassen die Pheen«, korrigiert jemand von links.
    »Klappe!«, schreien einige andere. Sie wollen nun doch weiter hören, wie genau sich die Pheen an der Normalität rächen wollten.
    Der Erzähler fährt also fort.
    »Sie wollen sich für das Dementio rächen. Für ihre Schwester, die dort eingesperrt wurde und nie wieder herauskam.« Die Stimme wird kraftvoller und geschmeidiger. Entweder der Erzähler ist noch nicht lange dabei oder er raucht weniger Spot als die anderen.
    »Das Dementio ist eine alte Idee, so alt wie die Normalität. Damals wusste niemand davon, es war sehr geheim. Die Normalen bauten es und sicherten es mit Stacheldraht, bewaffneten

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