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Sozialdemokratische Zukunftsbilder

Sozialdemokratische Zukunftsbilder

Titel: Sozialdemokratische Zukunftsbilder
Autoren: Eugen Richter
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befinden. Das ist gewiss gerecht, aber Paula wird es sehr hart finden. Frauen sind nun einmal sehr geneigt, die Staatsraison ihren Privatwünschen unterzuordnen.
    Meine Schwiegertochter ist als nicht Putzmacherin, sondern als Weißnäherin beordert. An Putzwaren hat die Gesellschaft viel weniger Bedarf. Der neue Produktionsplan, hörte ich, rechne nur mit dem Massenversuch. In Folge dessen ist besondere Handfertigkeit, Geschmack, überhaupt alles, was sich mehr dem Kunstgewerbe nähert, nur in ganz beschränktem Umfange erforderlich. Agnes meinte, es sei ihr gleichgültig, was aus ihr werde, wenn sie doch nicht mit Franz vereinigt werde. — Kinder entgegnete ich, bedenkt, dass selbst eine Gottheit es nicht allen recht machen könnte. — Dann sollte man, fiel auch Franz ein, doch jeden für sich selber sorgen lassen. So schlimm hätte es uns unter der früheren Gesellschaft nicht ergehen können.
    Ich las ihnen zur Beruhigung den „Vorwärts“ vor, in welchem die Regierung zur Klarstellung eine Übersicht über die Berufsanmeldungen und die Arbeitsanweisungen gegeben hat. Als Jäger haben sich in Berlin mehr Personen gemeldet, als es auf 10 Meilen im Umkreise von Berlin Hasen gibt. Nach Maßgabe der Meldungen könnte die Regierung auch neben jede Tür einen Portier, neben jeden Baum einen Förster, für jedes Pferd einen Bereiter stellen. Kindermädchen sind weit mehr gemeldet als Küchenmädchen, Kutscher weit mehr als Stallknechte. Von Kellnerinnen und Sängerinnen liegen Anmeldungen in Hülle und Fülle vor, desto weniger von Krankenpflegerinnen. Verkäufer und Verkäuferinnen sind zahlreich gemeldet. An Aufsehern, Kontrolleuren, Inspektoren, kurzum an Verwaltungsbeamten ist Überfluss sondergleichen, auch an Akrobaten fehlt es nicht. Aber für die harte, schwere Arbeit der Pflasterer, der Heizer, überhaupt alle Feuerarbeiter sind die Meldungen spärlich. Noch weniger Liebhaber haben sich für die Kanalreinigung gefunden.
    Was sollte aber die Regierung tun, um ihren Organisationsplan für Produktion und Konsumtion mit den Meldungen in Übereinstimmung zu bringen? Sollte sie etwa auf einen Ausgleich hinwirken durch die Gewährung eines geringeren Lohnes für Berufsarten, zu denen Andrang besteht, und eines höheren Lohnes für die nicht gesuchten Arbeiten? Das würde doch den Grundlehren der Sozialdemokratie widersprechen. Jede Arbeit, die der Gesellschaft nützlich ist, ist, wie Bebel immer gesagt hat, der Gesellschaft auch gleich wert. Größere Anteile am Ertrage der Arbeit würden einen sehr ungleichen Lebensgenuss begünstigen oder bei den höher Gelohnten Ersparnisse ermöglichen, welche auf Umwegen wieder eine Kapitalistenklasse züchten, und damit das ganze sozialistische Produktionssystem zerstören würden. Oder sollte man etwa durch verschiedene Bemessung der Arbeitszeit einen Ausgleich herbeiführen? Dann würde der naturgemäße Zusammenhang, der verschiedenen Hantierungen untereinander bei der Arbeit zerstört. Das Spiel von Angebot und Nachfrage, welches unter der früheren Kapitalsherrschaft sein Wesen getrieben, soll und darf in der neuen Ordnung nicht auskommen.
    Die Regierung behält sich vor, die unangenehme Arbeit den Sträflingen zuzuteilen, und beabsichtigt, wie dies schon Bebel empfohlen hat, einen häufigen Wechsel in den Beschäftigungen eintreten zu lassen. Vielleicht könnte derselbe Arbeiter künftig an demselben Tage zu verschiedenen Stunden verschieden beschäftigt werden.
    Für jetzt könnte der Ausgleich nur durch das Los herbeigeführt werden. Unter Zusammenlegung verwandter Berufsarten ist daher aus der Gesamtzahl der Bewerber eine dem Bedarf des einzelnen Berufszweiges nach dem Organisationsplan der Regierung entsprechende Anzahl ausgelost worden. Aus denjenigen, welche hierbei Nieten zogen, hat man wiederum durch das Los diejenigen bestimmt, welche sich Arbeiten zu widmen haben, für die eine nicht genügende Zahl an Bewerbungen eingegangen war. Dabei soll mancher ein ihm wenig zusagendes Los gezogen haben.
    Franz äußerte, Pferde, und Hundelotterien habe es ja immer gegeben, aber hier würden zum ersten Male auch Menschen verlost. Schon am Anfang sei man derart am Ende der Weisheit, dass man zum Lose greifen müsse.
    Du siehst ja, entgegnete ich, dass künftig alles neu geordnet werden soll. Jetzt leiden wir noch unter den Nachwirkungen des Ausbeutungssystems und der Kapitalsherrschaft. Ist dagegen erst das sozialdemokratische Bewusstsein voll und ganz überall zum
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