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Songkran

Songkran

Titel: Songkran
Autoren: Erik Matti
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Bombendrohung“, sagte Noi tief atmend in das Arbeitszimmer ihres Vorgesetzten hinein.
    Ohne etwas zu sagen erhob sich Inspektor Gun aus seinem massiven Sessel aus Nappaleder und folgte Noi in die Telefonzentrale. Som saß mit einem Blatt Papier in der Hand vor ihrem Computer und starrte geistesabwesend auf den Bildschirm, als die beiden Kollegen erschienen.
    „Was hat der Anrufer genau gesagt?“, fragte Inspektor Gun mit ruhiger Stimme. Er wollte sich von der Panik der jungen Frauen nicht anstecken lassen.
    „Es war eine Frauenstimme“, erwiderte Som. Zitternd hielt sie ihrem Chef den Zettel mit den Gesprächsnotizen entgegen.
    Gun las den Text, den Som notiert hatte. Für einen kurzen Augenblick herrschte eine beängstigende Stille im Büro, die den Donner der Bangkoker Nacht verstummen ließ.
    „Som, das ist nicht die erste Bombendrohung in den letzten Jahren. Bisher waren das alles Fehlalarme“, sagte Gun.
    Seit fünf Jahren leitete er das Polizeirevier Lumphini. Seine Stimme war leise und bedächtig, wie sie seinem Naturell entsprach. Insgeheim spürte er, dass er dieses Mal falsch lag.
     
    Reiskörnern gleich prasselte der Regen auf die Windschutzscheiben der Fahrzeuge, die sich ihren Weg auf der dreispurigen Sukhumvit in Richtung Nana bahnten. Es donnerte. Das Unwetter ließ das Wasser auf der großen Hauptstraße und ihrer unzähligen Nebenadern steigen.
    Die Taxifahrer hatten Schwierigkeiten, Gäste aufzunehmen, da diese hilflos am Bordsteinrand warteten. Der gestiegene Wasserpegel machte den Asphalt unpassierbar.
    Eine Gruppe alter Männer hatte die Holzveranda der Eckkneipe erklommen, die den Eingang des Nana Entertainment Plaza begrenzte. Regungslos verharrten die Alten vor ihren Bierflaschen und starrten stumpfsinnig auf das Kommen und Gehen der Prostituierten und Freier. Wie auf einer Zuschauertribüne bei einem Tennisturnier schweiften ihre Blicke nach links oder rechts.
    Die Prostituierten, die die Nana Plaza bevölkerten, waren den Anblick dieser Gaffer auf der Veranda gewohnt. Jeden Abend spielte sich dort das gleiche Schauspiel ab, nur die Besetzungsliste wechselte. Jeder freie Platz auf der Aussichtsplattform wurde umgehend von einem neuen Zuschauer besetzt.
    Seit Jahren benutzten die meisten Barbesitzer in Nana Plaza moderne Stechuhren, die jede Verspätung protokollierten. Unpünktliches Erscheinen in der Bar führte zu schmerzhaften Abzügen des Grundgehalts. Trotz dieser Gefahr widmeten die Frauen dem Geisterhäuschen und dem Hinduschrein im Innenhof des Rotlichtcenters einen Moment der Aufmerksamkeit. Sie senkten leicht den Kopf und führten ihre aneinander gelegten Hände zur Stirn. Dieser Wai wurde von einigen Frauen nur flüchtig entboten, indem sie im Vorbeigehen nickten, während andere vor dem sakralen Ort für einen kurzen Augenblick verharrten. Dann tauchten die Frauen in Windeseile in ihren Bars unter, die auf drei Etagen verteilt sind.
    Die überdachte Rolltreppe neben dem Geisterhaus beförderte fünf arabische Geschäftsleute in den ersten Stock. Dunkle Anzüge von Armani und protziger Goldschmuck erzählten eine Geschichte von Öl und Geld. Halbnackte Tänzerinnen zerrten die Männer vom Persischen Golf in die nächste Gogo-Bar, aus der die Bässe überlauter HipHop-Musik auf den schmalen Gang dröhnten.
    Ein siebenjähriges Mädchen beobachtete das Treiben. Wie jede Nacht verkaufte es Rosen zwischen den ausländischen Besuchern. Es beneidete die hübschen Tänzerinnen, die lauthals lachend hinter einer Glastür verschwanden. Das Mädchen war ärmlich gekleidet und wünschte im Geheimen, später selbst Tänzerin zu werden.
    Der fünfundvierzig Jahre alte Japaner Hiroshi interessierte sich nicht für die Träume der Kleinen. Sein Sexualtrieb in dieser Nacht führte ihn in den zweiten Stock des Entertainment Centers, wo eine Ladyboybar für Gäste geöffnet hatte. Unterbeschäftigte Tänzerinnen, in weiße Bikinis gekleidet, lauerten auf Kunden im Inneren des geräumigen Etablissements, das einer Tropfsteinhöhle nachempfunden war. Wenige männliche Gäste hatten in dieser Nacht den Übergang in die Höhle gewagt. Der Japaner aus Tokio kannte die Gogo-Bar vom letzten Jahr. Zielgerichtet überschritt er die Eingangsschwelle, die ein hellblauer Vorhang nach außen abschirmte. Überfallartig stürzten zwei halbnackte Tänzerinnen auf ihn. Eingeklemmt zwischen diesen beiden attraktiven Ladyboys nahm er auf einem roten Kunststoffsitz platz.
    „I have big cock“, flüsterte die

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