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Songkran

Songkran

Titel: Songkran
Autoren: Erik Matti
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direkt vor der Kiste.“ Enganliegende, schwarze Kleidung verdeckte ihre weiblichen Rundungen. 
    Der kleine Mann nahm ein Brecheisen und stemmte den Deckel der Kiste auf. Holz splitterte und verteilte sich auf dem sandigen Boden.
    „Wir können noch zurück“, flüsterte der kleine Mann, als er den Inhalt der Kiste betrachtete.
    „Unsinn! Wir fangen erst an!“, rief die Frau voller Erregung. „So sieht also das Zeug aus. Ich hab mir das spektakulärer vorgestellt. Ist das wirklich Plastiksprengstoff?“ Mit einer gekonnten Kopfbewegung warf sie ihren schwarzen Pferdeschwanz zurück über die Schulter. Vorsichtig nahm sie eines der Kunststoffpakete aus der Kiste, dessen Gewicht um die vier Kilo lag. Sachte tastete sie die knetartige Masse ab, die  innerhalb der Verpackung lag.
    „Das Zeug ist im Moment völlig ungefährlich. Behandelt es nicht wie rohe Eier!“, rief der Fahrer den Gestalten zu.
    „Wo sind die Sprengzünder?“, fragte die Frau.
    „Ich hab sie! Sie sind hier in den Kartons!“ Die dunkle Gestalt hielt einen Pappkarton in die Luft.
    „Langsam wird es verdammt warm. Können wir nicht die Masken abnehmen?“, fragte der Kleine und griff an seine durchgeschwitzte Strumpfmaske.
    „Nein!“, erwiderte die junge Frau bestimmt. „Vielleicht gibt es Kameras.“
    „Ich sehe keine Kameras und der alte Mann hat auch versichert, dass es keine gibt.“
    „Könnt Ihr mal die Schnauze halten! Wir müssen uns beeilen!“, fuhr der Fahrer die beiden wütend an. Er kniete jetzt auf der Ladefläche des Busses.
    Wie einstudiert, fingen die drei anderen an, die Packete aus der Kiste in den VW-Bus umzuladen. Der Fahrer stapelte die explosive Fracht auf der Ladefläche. Mit einer Wolldecke deckte er sie ab.
    Fünf Minuten später war der Inhalt der Holzkiste auf der Ladefläche des VW-Busses verstaut. Dann hievten die Drei die leere Holzkiste durch die Seitentür ins Fahrzeug, fegten mit einem Handfeger die Holzspäne des zerborsteten Deckels vom Boden und stiegen in den Bus. Alle restlichen Spuren ihrer nächtlichen Aktion sollte der alte Wachmann entfernen.
    Außer Sichtweite des Areals entfernten sie die Abdeckung von den Nummernschildern. Dann zogen sie die Strumpfmasken ab. Weitere fünfzehn Minuten später erreichten die vier Diebe die gut ausgebaute Fernstraße Nummer 3, die Bangkok mit der östlich liegenden Provinzhauptstadt Trat verbindet. Seit Verlassen des eingezäunten Geländes hatten sie kein Wort gesprochen. Jetzt, als sie sich sicher waren, außer Gefahr zu sein, entlud sich ihre aufgestaute Anspannung in lautem, hysterischem Lachen.

 
Teil 1
     
Nana Plaza
     
    Eine Mittwochnacht im Oktober, vier Monate nach dem Vorfall in Chanthaburi
     
    Die zierliche Noi verteilte das Abendessen in zwei gleichgroße Keramikschüsseln. In dieser Nacht war sie an der Reihe gewesen, das Essen in einer Straßenküche vor dem Polizeirevier zu kaufen. Donner und Blitze über dem Norden Bangkoks kündigten bereits den großen Regen für die Nacht an. Noi war froh, dass sie es trockenen Fußes zurück ins Polizeigebäude geschafft hatte. In jeweils kleine Plastiktüten verpackt, hatte sie Green Curry, gekochten Reis und gedünstetes Gemüse mitgebracht. Der würzige Geruch des heißen Essens schwängerte die Büroluft.
    Der Telefonapparat ihrer Kollegin Som klingelte. Die diensthabende Telefonistin Som nahm den Telefonhörer ab und traute ihren Ohren nicht. Stotternd wiederholte sie leise die Worte: “Eine Bombe in Nana Plaza.“
    Die jugendlich klingende Frauenstimme am anderen Ende der Telefonleitung wiederholte die Nachricht in deutlichem Bangkoker Akzent: „In zwei Stunden, exakt um 24 Uhr, explodiert eine Bombe auf dem Parkplatz des Nana-Hotels. Suchen Sie in einem Toyota Corolla mit dem Kennzeichen Bangkok NW 4431. Beeilen Sie sich!“
    Geistesgegenwärtig hielt Som die linke Hand vor den Telefonhörer und schnipste mit der freien ihrer Kollegin Noi zu. Die Augen der beiden Frauen trafen sich.
    „Eine Bombe“, flüsterte Som, ohne zu wissen, ob die Anruferin noch in der Leitung war. Die Kollegin nickte Som mit besorgtem Blick zu, legte ihr Essbesteck auf den Schreibtisch und rannte durch den Korridor zum Raum des Dienststellenleiters. Wie üblich während des Nachtdienstes, stand die Tür weit offen. Noi stoppte an der Türschwelle und blickte in die Augen des leitenden Polizeiinspektors Gun, der in Gedanken versunken von seinem Ledersessel hinter seinem Schreibtisch herüber sah.
    „Wir haben eine

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