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Somniferus

Somniferus

Titel: Somniferus
Autoren: Michael Siefener
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Tag
gesagt, dass er gedenke, Selbstmord zu begehen.«
    »Selbstmord?« Ich war entsetzt und verwirrt. Das klang
gar nicht nach Onkel Jakob.
    »Ich war genauso erschrocken wie Sie. Wie gesagt, habe ich
versucht, ihn von diesem irren Plan abzubringen, doch es war
unmöglich. Er sagte, er habe bereits alles arrangiert, seine
Leiche werde man allerdings niemals finden.«
    »Was soll denn das bedeuten?«
    »Ich habe nicht die geringste Ahnung. Aber dieser Umstand
veranlasste mich dazu, von einem Testament Abstand zu nehmen, denn
wenn keine Leiche existiert, kann auch kein Totenschein ausgestellt
werden; daher gilt die betreffende Person von Gesetzes wegen nur als
verschollen. Erst zehn Jahre nach der Feststellung des
Verschollenseins kann ein Totenschein beantragt werden. Das war Herrn
Weiler zu lange und deshalb hat er schließlich die Vollmachten
ausgestellt.«
    Ich verstand kein Wort mehr. Warum wollte Onkel Jakob sich
umbringen? Und warum so, dass man seine Leiche niemals finden
würde? Hatte er seine Drohung wahr gemacht? Was steckte
dahinter? Mir lief es kalt den Rücken hinunter.
    Der Notar zog eine Schublade seines Schreibtischs auf und holte
einige Papiere hervor. »Es war Jakob Weilers Wille, dass Sie als
sein einziger noch lebender Verwandter in den Genuss all dessen
kommen sollen, was ihm gehörte.« Er nahm zwei
BKS-Schlüssel aus einem ansonsten leeren Umschlag und schob sie
mir zu. »Das ist der Haustürschlüssel in zweifacher
Ausfertigung.« Aus einem anderen Umschlag zog er einen weiteren
Schlüssel; dieser war altertümlich, klobig und angerostet.
»Und das ist der Schlüssel zum Scheunentor. Alle anderen
Schlüssel stecken in den Türen innen im Haus. Ihr Onkel hat
wirklich an alles gedacht.« Er schluckte; es war ihm deutlich
anzumerken, dass ihm die ganze Sache nahe ging. »Das Haus ist
nicht Ihr Eigentum, das heißt, Sie können es nicht
verkaufen und sich nicht als Eigentümer im Grundbuch eintragen
lassen. Das wird erst im Erbfall, also in zehn Jahren möglich
sein. Aber das ist in unserem Fall ja nur eine Formalie.« Er
drehte den Scheunenschlüssel nachdenklich einige Male in den
Händen herum, bevor er ihn mir übergab.
    Ich steckte die drei Schlüssel in die Außentasche
meiner Windjacke. Sie fühlten sich gut an. Aber trotzdem war ich
weit davon entfernt, zufrieden zu sein. Die Situation war einfach zu
verworren.
    Harder öffnete einen weiteren Umschlag und entfaltete einige
Blätter. »Das hier sind eine Bankvollmacht für Jakob
Weilers Guthaben bei der Kreissparkasse Manderscheid sowie ein
Kontoauszug und sein Sparbuch.« Er reichte mir alles
herüber.
    Ich warf einen Blick auf die Zahlen. Auf dem Konto befanden sich
nur noch 250 Euro, doch als ich das Sparbuch aufschlug, wurde mir
schwindlig. Ich wusste, dass Onkel Jakob immer sehr knauserig gelebt
hatte. Aber dass man als Priester so viel Geld sparen konnte, hatte
ich nicht gewusst. Es war knapp eine halbe Million – genug
für ein sorgenfreies Leben, wenn ich vorsichtig damit umging.
Ein dreifaches Hoch auf den guten, alten Onkel Jakob – was immer
aus ihm geworden sein mochte. »Ist er denn wirklich –
verschwunden?«, fragte ich mit belegter Stimme.
    Harder nickte. »Schon einen Tag, nachdem ich bei ihm zu
Besuch war und er diese Vollmachten ausgestellt hat. Das war vor
einem Monat, wie Sie an dem Datum der Vollmacht sehen können.
Ich wollte erst ganz sichergehen, dass er es sich nicht doch noch
anders überlegt hat und wieder auftaucht, bevor ich mit Ihnen
Kontakt aufgenommen habe. Aber es scheint, dass er seinen Plan
ausgeführt hat.«
    »Haben Sie eine Ahnung, wie… auf welche
Weise…«
    Der Notar schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht die
geringste Vorstellung davon. Ich weiß nur eines: Dies hier ist
noch viel seltsamer, als wir es uns jetzt vorstellen
können.«
    »Was wollen Sie damit andeuten?«
    Harder sah mich an. In seinem Blick lag ein merkwürdiges
Flehen – fast als wolle er sich bei mir für etwas
entschuldigen. Für was? Die ganze Sache wurde immer
undurchsichtiger. »Ich will gar nichts damit andeuten«,
murmelte er ausweichend.
    »Wissen Sie nicht vielleicht doch mehr, als Sie mir sagen
wollen – oder sagen dürfen?«
    Darauf gab er keine Antwort.
    »Nun bin ich also reich«, sagte ich, »aber ich bin
es auf eine Art und Weise geworden, die mir nicht sehr lieb ist.
Für meinen Geschmack weben sich zu viele Geheimnisse um mein
neues Vermögen.«
    Es wirkte, als gebe sich Harder einen Ruck. Er setzte

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