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So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!: Tagebuch einer Krebserkrankung (German Edition)

So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!: Tagebuch einer Krebserkrankung (German Edition)

Titel: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!: Tagebuch einer Krebserkrankung (German Edition)
Autoren: Christoph Schlingensief
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»Es gibt für die Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod.«
Walter Benjamin
    Dieses Buch ist das Dokument einer Erkrankung, keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens. Meine Gedanken aufzuzeichnen, hat mir jedenfalls sehr geholfen, das Schlimmste, was ich je erlebt habe, zu verarbeiten und mich gegen den Verlust meiner Autonomie zu wehren. Vielleicht hilft es nun auch einigen, diese Aufzeichnungen zu lesen. Denn es geht hier nicht um ein besonderes Schicksal, sondern um eines unter Millionen.

    So viele kranke Menschen leben einsam und zurückgezogen, trauen sich nicht mehr vor die Tür und haben Angst, über ihre Ängste zu sprechen. Ich habe erlebt, wie wichtig es ist, den Geschockten und aus der Bahn Geworfenen zurück ins Leben zu begleiten, ihn in seiner Autonomie als Erkrankter zu stärken, sich zu bemühen, seine Zweifel zu verstehen, ihm zu helfen, seine Ängste auszusprechen und diese – in welcher Form auch immer – zu modellieren. Die Erkrankung vor sich zu stellen, sie und sich selbst von außen zu betrachten – dieser ganzheitliche Blick ist wichtig und hilfreich. Aber viele Mediziner sind zu so einem Blick, der nicht zuletzt ein Akt der Großzügigkeit ist, nicht in der Lage, sei es, weil sie ihn nicht erlernt haben, sei es, weil der Druck unseres Gesundheitssystems ihnen keine Chance lässt. Daher sollte man sich als Erkrankter nicht nur der Medizin ausliefern – auch wenn sie heutzutage immer wieder großartige Erfolge vermelden kann.
    Wenn Sie also erkranken und bemerken, dass Sie als Mensch kaum noch vorkommen und das Gefühl nicht loswerden, nur noch fremdbestimmt zu sein, dann beschweren Sie sich. Nicht nur bei Ihrem Arzt, sondern auch beim Gesundheitsministerium! Mir persönlich haben ein anthroposophischer Arzt, ein schulmedizinischer Arzt und eine schulmedizinische Ärztin sehr geholfen. Auch und gerade in ihrem Zusammenspiel.
    Und wenn Sie gesund sein sollten, aber einen Erkrankten in Ihrer Familie oder Ihrem Bekanntenkreis haben, dann kümmern Sie sich um ihn, auch wenn Sie Angst haben, dass es Ihnen zu schwer wird.Teilen Sie sich die Hilfe mit anderen. Ohne meine Freunde, die ich in diesem Buch nicht alle mit Namen nenne, hätte ich es nicht geschafft, den Schock und die damit verbundenen, schier unendlichen Ängste zu überwinden.

    Nicht zuletzt wünsche ich der Kirche, dass sie aufhört, uns mit den Geheimnissen des Jenseits unter Druck zu setzen. Das Leben ist zu schön, um uns Menschen permanent mit kommendem Unglück zu drohen. Gottes Liebe und Hilfe – egal, wer oder was das auch sein möge – sind keine Erziehungsdrops. Die Liebe Gottes manifestiert sich vor allem in der Liebe zu uns selbst! In der Fähigkeit, sich selbst in seiner Eigenart lieben zu dürfen, und nicht nur in dem, was wir uns ständig an- und umhängen, um zu beweisen, dass wir wertvoll, klug, hübsch, erfolgreich sind. Nein! Wir sind ganz einfach wunderbar. Also lieben wir uns auch mal selbst. Gott kann nichts Besseres passieren.

    Wien, den 24. 3. 2009
    Christoph Schlingensief

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    Dienstag, 15. Januar
    Heute Nachmittag habe ich entschieden, ein PET machen zu lassen. Das ist einVerfahren, bei dem man in eine Röhre gelegt wird, vorher bekommt man eine Injektion mit einer radioaktiven Substanz, die in 110 Minuten zerfällt. Das habe ich mir gemerkt. Und die ist mit Traubenzucker angereichert, verteilt sich im Körper, und an den Stellen, wo ein Tumor ist, ist mehr von diesen Ablagerungen zu sehen, weil ein Tumor viel verbrennt. Deshalb nehmen die Leute auch ab, wenn sie Krebs haben. An den Stellen, wo es dunkel ist, ist nix. Man kann mit diesen Bildern also den Tumor identifizieren und Metastasen finden. Das einzige Problem ist, dass auch jede Entzündung zu sehen ist. Wenn die Bilder morgen also sagen, im Zentrum von meiner Lunge gibt es einen Tumor, dann ist das vielleicht nur eine Entzündung, die aussieht wie ein Tumor. Diese kleine Tür bleibt noch offen.
    Ist merkwürdig, weil ich schon immer mit Bildern zu tun hatte, eigentlich in Bildern lebe. Aber es gibt eben Bilder, die haben keine Eindeutigkeit, in so einem Bild befinde ich mich zurzeit. Und ich habe das schließlich immer gemocht, dass es Bilder gibt, die nicht eindeutig sind, die aus Überblendungen bestehen und auf die die Leute

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