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Skorpionin: Odenwal - Thriller (German Edition)

Skorpionin: Odenwal - Thriller (German Edition)

Titel: Skorpionin: Odenwal - Thriller (German Edition)
Autoren: Manfred Krämer
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1992
    05:28 Uhr. Der Mann war glücklich. Er umarmte und küsste seine Frau zum Abschied und eilte nach draußen. Als er den Motor seines Wagens startete, war es genau 05:30 Uhr. Der Mann in der Pilotenuniform winkte seiner Frau noch einmal kurz zu und wartete ungeduldig, bis das schmiedeeiserne Einfahrtstor sich geöffnet hatte. Lächelnd gab er Gas. Der Porsche 911 rollte mit heiser brabbelndem Boxermotor auf die schmale Straße. Der Mann hatte noch genau sechsundzwanzig Minuten zu leben.
    05:31 Uhr. Das Beste an dem alten Land-Rover war die Standheizung. Der Mann in der schäbigen Armeejacke trank einen Schluck Tee und lauschte dem gleichmäßigen Summen des Luftheizers. Hinter ihm knackten und knisterten die leeren Wasserkanister, als sie sich erwärmten. Zweiundzwanzig Dreißigliter-Behälter. Der asthmatische Diesel hatte die fast siebenhundert Kilogramm schwere Fracht qualmend bis hier herauf gefahren. Jetzt waren sie leer. Die Arbeit war getan. Der Mann schraubte den lederbezogenen Flachmann auf, roch das scharfe Aroma und gab einen Schuss davon in den Thermobecher mit dem Tee. Das hatte er sich verdient. Es war eine mühsame Plackerei gewesen die schweren Kanister vom Versteck des Land-Rovers bis zur Straße schleppen. Zweiundzwanzig mal! Er konnte den Wagen ja schlecht am Straßenrand parken. Seit Tagen hatte er das Gelände observiert, aber man wusste ja nie, ob nicht doch noch irgend so ein dussliger Jäger hier auftauchte. Der Mann schaute auf die Uhr: 05:32. Er stürzte den mit Scotch veredelten Tee hinunter, griff nach den alten Bundeswehrhandschuhen und öffnete die Fahrertür. Es war Zeit. Zeit, seinen Posten einzunehmen.
    05:35 Uhr. Der Öltemperaturanzeiger des Porsche näherte sich dem grünen Bereich. Der Fahrer fuhr den 911er in den unteren Gängen warm. Was für ein Auto. Geballte Technik, kompromisslos auf Leistung getrimmt. Spielerisch fuhr der Mann ein paar hektische Schlangenlinien, um die breiten Reifen schneller auf Betriebstemperatur zu bringen. Was für ein Spaß! Die Straße war trocken. Seit Tagen schon. Ein umfangreiches Hochdruckgebiet schaufelte kristallklare sibirische Kaltluft in den Odenwald. Minus 15° C in den Nächten, maximal 0° C am Tag. Im Osten zeigte sich eine erste Ahnung der nahenden Morgendämmerung. Der Mann schaltete das Fernlicht ein. Der grelle Lichtkegel riss die Begrenzungssteine und die reflektierenden Leitpfosten aus der Dunkelheit. Jetzt kam die „Grüne Hölle“. Der Mann hatte jedem Abschnitt der Straße einen Namen vom Nürburgring gegeben. Der Boxermotor brüllte heiser auf, als der Fahrer einen Gang tiefer schaltete und die Doppelkurve auf der Ideallinie passierte, schwarze Streifen auf dem rauen Belag hinterlassend. Er schaltete das Radio an, schob die Kassette in den Schacht. Led Zeppelin, Stairway To Heaven. Sein Lied. Seine Hymne!
    05:36 Uhr. Saukalt! Der Mann zog sich die schwarze Wollmütze tief über die Ohren und drückte die Tür des Land-Rovers behutsam ins Schloss. Für heute hatten sie sogar bis zu minus 18° C in freien Lagen vorhergesagt. Gut. Sehr gut. Er hätte die Heizung nicht so aufdrehen sollen. Nun fror er umso mehr, trotz des dicken Pullovers und des gefütterten US-Parkas. Doch die Kälte war sein Freund. In dieser Nacht zumindest. Die Kälte und das Wasser. Seit Wochen hatte er auf das passende Wetter gewartet. Trocken musste es sein. Trocken und kalt. Saukalt. Er hatte den Geländewagen tief in einen alten Holzabfuhrweg gefahren, so dass man ihn von der Straße aus nicht sehen konnte. Nun erreichte der Mann die schmale Straße. Zufrieden musterte er sein Werk: Genau im Scheitelpunkt der weiten Rechtskurve schimmerte tückisch eine glitzernde Eisfläche. Die Kurve war nichts Besonderes. Keine Serpentine, wie weiter oben, und auch keine Doppelkurve, wie die meisten anderen auf der acht Kilometer langen Stichstraße. Sie umrundete in einem eleganten Bogen einen Ausläufer des Katzenbuckels und bot an ihrer Außenseite eine herrliche Aussicht über die bewaldeten Berge des Odenwaldes. Leitplanken gab es nicht. Niedrige, weiß angemalte Steinquader trennten die Straße vom Abgrund dahinter. Das Gelände fiel in steilem Winkel ab. Einzelne Felsbrocken ragten aus dem schütteren Gras und struppigen Gebüsch. In einer Entfernung von etwa zweihundertfünfzig Metern begann ein vom letzten Orkan ausgedünnter Fichtenwald. Wer hier aus der Kurve flog, endete entweder an einem der hausgroßen schartigen Felsblöcke oder zwischen den

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