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Sklaven des Himmels

Sklaven des Himmels

Titel: Sklaven des Himmels
Autoren: Edmund Cooper
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1.
     
    Berry blickte zufrieden auf das Bild, das sein Herz höher schlagen ließ. Vron, seine Gefährtin, lag im Gras und streichelte zärtlich Vronis Köpfchen, das kaum größer als die pralle Brust war, aus der das hungrige Mädchen schmatzend die Milch saugte.
    Vroni brauchte nicht zu hungern. Ihre Mutter hatte genügend Milch, mehr als Vroni trinken konnte. Es wäre Vron leichtgefallen, auch noch anderer Frauen Kinder mitzustillen. Aber im Augenblick war Vroni das einzige Baby des Stammes.
    Berry kaute an einem Grashalm. Ja, er war zufrieden, glücklich sogar. Und weshalb sollte er es auch nicht sein? Seit Amris Tod vor einem Sommer und einem Winter war er der Häuptling des Stammes. Er hatte eine eigene Frau – wer, außer ihm, hatte das schon? – und eine kleine Tochter. Sicher, ein Sohn wäre besser gewesen. Aber man konnte schließlich nicht alles haben, das wäre gegen die Gesetze der Natur. Jedenfalls waren die Götter gut zu ihm. Halt, mahnte er sich verärgert. Was immer auch die Alten schwafelten, es gibt keine Götter, es gibt keinen Himmel, in dem die Toten weiterleben! Es gibt nur Dinge, die man sieht oder hört und fühlt. Die Sonne, der Mond, die Sterne; die Jahreszeiten; Wind, Regen, Schnee, Eis; Seen, Flüsse, Meere; die Menschen; und die Tiere, die unter der Erde, auf der Erde, in den Lüften und im Wasser leben. Dann gibt es auch noch Hunger und Liebe, Tod und Geburt. Das sind natürliche Dinge. Dinge, die jeder versteht. Götter gibt es nicht! Wer hat schon je einen Gott gesehen? Wer ist vom Himmel zurückgekehrt, um zu erzählen, wie es dort aussieht? Nein, es gibt keine Götter!
    Aber es gibt die Nachtgänger.
    Sein Gesicht verfinsterte sich. Die Nachtgänger hatten Mari mit sich genommen. Mari, die ihm ihre Milch gegeben hatte, die ihn als Sohn aufnahm, kurz nachdem ihr eigener gestorben war.
    Seine Züge glätteten sich wieder. Er hatte Glück gehabt. Er war kein Blutsangehöriger der Londos, trotzdem war er jetzt ihr Häuptling. Die Londos hatten ihn als Neugeborenen im Wald gefunden, halb tot bereits. Sie hatten ihn zu Mari gebracht und später in den Stamm aufgenommen.
    Aber nur sieben Sommer hatte er das Glück gehabt, von Maris Liebe verwöhnt zu werden. Dann waren die Nachtgänger gekommen. Nie würde er die grauenhaften Minuten vergessen. Er hatte hilflos zusehen müssen, wie die in Silber gekleideten Männer sie wegzerrten.
    Die Nachtgänger gab es, denn er hatte sie selbst gesehen. Aber sicher waren sie Menschen, Götter bestimmt nicht. Sie holten nur Frauen, immer nur Frauen. Also waren sie Männer.
     
    Der Stamm der Londos war nicht sehr groß, er war auch nicht kriegerisch. Natürlich kämpften die Männer, wenn man ihnen den Kampf aufzwang. Aber sie fingen ihn nicht an. Andere Stämme – vor allem die nördlicheren, die Manches, die Jords und Glaskas – machten den Kampf zu ihrem Lebenszweck. Es ging ihnen jedoch hauptsächlich um die Eroberung von Frauen, an denen immer Mangel war, da die Nachtgänger sie regelmäßig und gleichermaßen von allen Stämmen wegholten. Und wer konnte schon etwas gegen die Silbergeister ausrichten?
    Doch keine der unglaublichen Geschichten über die Nachtgänger änderte Berrys Ansicht über sie. Schön, sie trugen silberne Kleidung. Es wurde behauptet, daß ihr Blick einen Menschen erstarren lassen konnte, so daß er stundenlang keinen Muskel zu bewegen vermochte. Genauso hieß es jedoch auch, sie hätten keine Gesichter. Wie konnte dann ein Geschöpf ohne Gesicht einen Menschen durch seinen Blick erstarren lassen? Nein, Berry war überzeugt, daß sie weder Geister noch Götter waren.
    Man behauptete weiter, daß diese Gesichtslosen die Frauen in den Himmel brachten. Das waren natürlich Ammenmärchen. Es gab keinen Himmel, und die Nachtgänger waren Männer, nichts anderes, wenn auch mit bemerkenswerten Fähigkeiten. Männer, die Frauen brauchten. Vielleicht hatten sie keine eigenen und mußten deshalb unsere rauben, dachte Berry. Wenn es also eine Möglichkeit gab, die Nachtgänger an ihren Raubzügen zu hindern, würden sie aussterben. Denn ohne Frauen keine Kinder, und ohne Kinder keine Zukunft.
    Deshalb hatte Berry, seit er Häuptling war, ein Alarmsystem ausgeklügelt – eine dünne, kaum sichtbare Schnur aus Därmen an Pfählen rings um das Lager befestigt. Wenn jemand sie berührte, begann eine Bronzeglocke zu läuten – ein Beutestück, auf das Berry sehr stolz war.
    Bisher war die Glocke allerdings nur von streunenden Tieren

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