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Singularität

Singularität

Titel: Singularität
Autoren: Charles Stross
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prolog
     
     
    Am Tag, an dem der Krieg erklärt wurde, regnete es Telefone
aus dem Himmel über Nowyj Petrograd. Scheppernd fielen sie auf
das Kopfsteinpflaster. Manche waren durch die Hitze des
Wiedereintritts in die Atmosphäre halb geschmolzen, andere
klingelten und tickten, während sie in der kalten Luft des
frühen Morgens abkühlten. Eine neugierige Taube
hüpfte, den Kopf schief gelegt, näher heran, hackte mit dem
Schnabel auf das glänzende Gehäuse eines Apparats ein und
flatterte erschrocken davon, als ein Piepen ertönte.
»Hallo? Bist du bereit, uns zu unterhalten?«, meldete sich
eine blecherne Stimme.
    Das Festival war zu Rochards Welt vorgedrungen.
    Ein magerer Straßenjunge war eines der ersten Opfer des
Angriffs auf die wirtschaftliche Integrität der Welt, die als
jüngste Kolonie zur Neuen Republik zählte. Rudi –
niemand kannte seinen Familiennamen, ganz zu schweigen von seinem
leiblichen Vater – fand eines der Telefone in der Gosse einer
schmutzigen Gasse. Einen übel riechenden Sack wie das Bettzeug
eines Soldaten über die Schulter geworfen, ging Rudi seiner
täglichen Arbeit nach. Das Telefon, das auf dem bröckeligen
Pflaster lag, glänzte wie polierter Gussstahl. Ehe Rudi es
aufhob, blickte er sich verstohlen um; womöglich war der feine
Herr, der es verloren haben musste, noch in der Nähe. Als es
zirpte, hätte er es vor Angst beinahe fallen gelassen: ein
Apparat! Jegliche Maschinen und Apparate waren der Oberschicht
vorbehalten und für die Allgemeinheit verboten, die grimmigen
Gesichter und grauen Uniformen der Staatsgewalt wachten streng
darüber. Trotzdem: Wenn er es mit nach Hause nahm, zu Onkel
Schmuel, würden sie vielleicht endlich mal etwas
Anständiges zu essen bekommen. Etwas Besseres als das, was er
sonst mit den täglichen Einnahmen beschaffen konnte. Denn diese
erschöpften sich darin, dass er der Gerberei jeden Tag einen
Sack Hundekot verkaufte. Als er das Telefon herumdrehte, weil er sich
fragte, wie es abzuschalten war, meldete sich eine blecherne Stimme:
»Hallo? Bist du bereit, uns zu unterhalten?«
    Fast hätte Rudi das Telefon weggeworfen und wäre
davongerannt, aber die Neugier war stärker.
»Warum?«
    »Unterhalte uns, dann schenken wir dir alles, was du
willst.«
    Rudi machte große Augen. Das Metallgehäuse funkelte
viel versprechend in seinen hohlen Händen. Ihm fielen die
Märchen ein, die seine älteste Schwester ihm früher
erzählt hatte, ehe sie Opfer dieses schrecklichen Hustens
geworden war -Erzählungen von Wunderlampen, Zauberern und
Dämonen, die Pater Boroschowski ganz sicher als
gotteslästerlichen Unsinn verdammt hätte. Und so
kämpfte sein Bedürfnis, dem dumpfen, grausamen Alltag zu
entfliehen, gegen seinen natürlichen Pessimismus an, jenen
Pessimismus, den er sich in kaum mehr als zehn Jahren
zermürbender Arbeit zu Eigen gemacht hatte. Der Realismus
siegte. Was er sagte, war nicht: »Ich wünsche mir einen
fliegenden Teppich und eine Börse voller Goldrubel« oder
»Ich möchte Prinz Michail sein und im königlichen
Palast wohnen«, sondern »Könnt ihr meiner Familie zu
essen geben?«
    »Ja. Unterhalte uns, dann geben wir deiner Familie zu
essen.«
    Rudi zermarterte sich das Hirn, denn er hatte keine Ahnung, wie er
diesen ausgefallenen Wunsch erfüllen sollte, doch dann blinzelte
er: Die Lösung lag ja auf der Hand! Er hielt das Telefon an den
Mund und flüsterte: »Soll ich euch eine Geschichte
erzählen?«
    Am Ende des Tages, mittlerweile fiel das Manna aus dem Orbit, und
Menschheitsträume trieben wie Gewächse nach einem
Wüstenregen die seltsamsten Blüten, waren Rudi und seine
Familie – die kranke Mutter, der versoffene Onkel und sieben
Geschwister – nicht länger Bestandteil der heimatlichen
Volkswirtschaft.
    Der Krieg war erklärt.
     
    Tief in den äußeren Regionen des Sternsystems schuf die
Bauflotte des Festivals Gebilde aus toter Masse. Die Flotte des
Festivals reiste in superleichten Nomaden-Starwisps, deren
MASER-Antrieb die Strahlungsemission zur Verstärkung von
Mikrowellen ausnutzte. Das Gehetze der rein menschlichen Populationen
mit ihren Antrieben, die für Überlichtgeschwindigkeit
sorgten, verachtete das Festival. Wenn seine Flotte irgendwo ankam,
liefen die Fusionsreaktoren auf Hochtouren, und künstliches
Leben, das Insekten ähnelte, breitete sich schnell und
massenweise in den eisigen Tiefen des äußeren Sternsystems
aus. Sobald die Habitate vollendet waren und in die Umlaufbahn des
Zielplaneten

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