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Silenus: Thriller (German Edition)

Silenus: Thriller (German Edition)

Titel: Silenus: Thriller (German Edition)
Autoren: Robert Jackson Bennett
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1
     
    EIN AUFBRUCH
     
    Jeder Freitagvormittag verlief in Otterman’s Vaudeville Theater üblicherweise recht gemächlich, und dieser bildete bis jetzt keine Ausnahme. Vier der aktuellen Darbieter würden am Wochenende zu anderen Theatern weiterziehen, und vier andere würden herkommen, um ihre Plätze einzunehmen, darunter Gretta Mayfield, ein unbedeutender Stern am Himmel der Oper von Chicago. Unter den Musikern herrschte allgemein eine Stimmung sorgloser Zufriedenheit. Alle Vorstellungen waren gut verlaufen, und die nächsten ernsthaften Proben waren noch ein ganzes Wochenende entfernt. Was für die überarbeiteten Musiker beinahe eine Ewigkeit darstellte.
    Doch dann rannte Tofty Thresinger, erster Geiger des Hauses und inoffizieller Klatschexperte des Theaters, mit einem panischen Ausdruck in den Augen in den Orchestergraben. Für einen Moment stand er nur keuchend da, die Hände auf die Knie gestützt. Dann hob er den Kopf, um eine entsetzliche Neuigkeit kundzutun: »George hat gekündigt.«
    »Was?«, fragte Victor, der zweite Geiger. »George? Unser George?«
    »George, der Pianist? «, fragte Catherine, die Flötistin.
    »Genau der«, sagte Tofty.
    »Wie gekündigt ?«, hakte Victor nach. »Im Theater?«
    »Ja, natürlich im Theater!«, sagte Tofty. »Wo hätte er sonst kündigen können?«
    »Das muss ein Irrtum sein«, erwiderte Catherine. »Von wem haben Sie das?«
    »Von George selbst!«, sagte Tofty.
    »Und wie hat er sich ausgedrückt?«, fragte Victor.
    »Er hat mich angesehen«, entgegnete Tofty, »und gesagt: ›Ich habe gekündigt.‹«
    Schweigen trat ein, als alle Anwesenden über seine Worte nachdachten. Da blieb nicht viel Raum für eine alternative Deutung.
    »Aber warum hat er gekündigt?«, fragte Catherine.
    »Ich weiß es nicht!«, heulte Tofty und brach auf seinem Stuhl zusammen.
    Die Neuigkeit sprach sich schnell im ganzen Theater herum: George Carole, der verlässlichste Pianist des Hauses und ein wahres Wunderkind (oder enfant terrible , je nachdem, wen man fragte), hatte das Handtuch geworfen, einfach so. Bühnenarbeiter schüttelten bestürzt die Köpfe. Künstler setzten sogleich zu klagen an. Sogar die Garderobenfrauen, die üblicherweise nur peripher am Theaterklatsch teilhatten, wurden über diese verhängnisvolle Entwicklung in Kenntnis gesetzt.
    Aber die Neuigkeit erschütterte durchaus nicht jeden. »Gut, dass wir ihn los sind«, sagte Chet, der Bassist. »Ich bin es leid, diesen kleinen Gernegroß zu erdulden, der ständig so tut, als wäre er uns überlegen.« Doch viele andere brummten, er sei in der Tat überlegen. An die sieben Monate waren vergangen, seit der Sechzehnjährige am Tag des Vorspielens durch ihre Tür spaziert war und der Belegschaft mit seinem Spiel förmlich den Atem geraubt hatte. Alle waren erstaunt gewesen, dass er nicht für einen Bühnenauftritt vorspielte, sondern für eine Festanstellung als Orchestermusiker, ein Job, wie er mieser kaum sein konnte. Van Hoever, der Leiter des Otterman’s, hatte ihn zu diesem Punkt eingehend befragt, aber George hatte sich nicht aus dem Konzept bringen lassen: Er war gekommen, um als Pianist in ihrem kleinen Theater in Ohio zu spielen, weiter nichts.
    »Was sollen wir jetzt machen?«, fragte Archie, der Posaunist. »Ob es uns gefällt oder nicht, George war es, der uns bekannt gemacht hat.« Was mehr oder weniger die Wahrheit war. Eine Grundregel des Vaudeville, seines Zeichens ein Gewerbe, in dem Beleidigungen auf der Tagesordnung standen, lautete, dass die Person, auf die am meisten geschissen wurde, der Orchesterpianist war. Er begleitete beinahe alle Auftritte, und jedes Ego, das die Bühne betrat, suchte die Schuld für die eigenen Fehler bei ihm. Ging ein Witz daneben, lag es daran, dass der Pianist seinen Einsatz verpasst und den Auftritt versaut hatte. Stolperte ein Akrobat, so hatte der Pianist ihn abgelenkt.
    Aber während seiner Zeit im Otterman’s hatte George das Unmögliche vollbracht: Er hatte ihnen keinen Grund zur Klage gegeben. Schon nach der ersten Probe kannte er die Nummer besser als der jeweilige Darbietende, was eine erstaunliche Leistung war angesichts der Sorgfalt, welche die Schauspieler bei ihren Auftritten an den Tag legten. Er traf jeden Takt, entrang jeder Pointe noch den letzten Lacher und wusste, wann er das Tempo anziehen musste und wann nicht. Er schien über die verblüffende Fähigkeit zu verfügen, jeden Auftritt, den er begleitete, zu verbessern. Das sprach sich herum, weshalb

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