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Shimmer

Shimmer

Titel: Shimmer
Autoren: Hilary Norman
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Die Epistel von Cal dem Hasser
     
    »›Leg dich hin‹, sagt Jewel zu mir.
    Ich antworte, ich will mich nicht hinlegen.
    ›Tu es‹, sagt Jewel, und ihre Stimme ist so hart wie ihr Name.
    Also gehorche ich, weil die Alternative noch viel schlimmer ist.
    Weil sie andere Wege finden wird, mir wehzutun.
    Und sie wird mich nicht mehr lieben.
    Das geht nun schon sehr lange so.
    Ich habe mit der Zeit viel gelernt. Ich habe gelernt, dass ich böse Dinge aus meinem Verstand aussperren kann, und ich kann überleben, egal was passiert. Aber ich habe auch gelernt, dass Schreckliches geschehen kann, wenn man böse Dinge aus seinem Verstand verdrängt. Denn all der Schmerz, all die Demütigung und der Hass, die man so mühsam vergraben hat, gärt wie Eiter an einer Zahnwurzel oder wie Fäulnis in einer Leiche. Und manchmal sickern dieser Eiter, diese Fäulnis dann heraus. Manchmal aber bleibt beides drinnen, wächst und wuchert, bis man platzt.
    Ursache und Wirkung. Darüber habe ich gelesen. Das leuchtet ein.
    Aber diese Wirkung ist wirklich übel, und ich weiß es.
    Übel genug, dass ich mich selbst hasse.
    Und das ist schlimmer als alles andere.«
     
    Cal liebte es zu schreiben. Und zu lesen.
    Er hatte das Wort »Epistel« für seine privaten Aufzeichnungen gewählt, nachdem er es im Merriam-Webster-Wörterbuch nachgeschlagen hatte, wo es als Begriff für einen Brief definiert wurde. Dabei war dies hier eigentlich gar kein Brief, weil Cal nicht an jemanden schrieb, aber es war auch kein Tagebuch. Es war einfach nur Geschriebenes . Als erste Definition für »Epistel« fand sich im Wörterbuch, dass es sich um einen Brief im Neuen Testament handelte, aber das wusste Cal bereits, denn er kannte die Bibel ziemlich gut. Er wusste, dass das Wort ständig vorkam – die Epistel der Apostel –, und Cal gefiel der Klang. Auch jetzt ging es ihm nicht aus dem Kopf, und er sagte es immer wieder laut vor sich hin wie einen Zungenbrecher ...
    »Die Epistel der Apostel, die Epistel der Apostel ...«
    Manchmal sang er es auch und tanzte im Rhythmus, was ihm wiederum Sorgen bereitete aus Angst, es könne ein Sakrileg sein, denn Cal achtete die Bibel und ging in die Kirche. Andererseits war es ziemlich unsinnig, sich wegen eines Wortes den Kopf zu zerbrechen, denn Gott wusste, dass er schon weit Schlimmeres getan hatte.
    »Ich bin ein Frevler« , hatte er in seiner Epistel geschrieben, »und ich weiß es, und das jagt mir eine Heidenangst ein, denn das heißt, dass am Ende aller Tage die Hölle auf mich wartet. Aber ich weiß nicht, wie ich das ändern könnte, und eigentlich ist es gar nicht meine Schuld. Nichts von alledem ist meine Schuld.«

1
     
    6. Juni
     
    Wie tausend andere Strände bei Sonnenaufgang wirkte auch South Beach fast wie neugeboren, wie eine neue Welt, die aus dem Dunkel kroch, Äonen entfernt von ihrem schrillen, halb-heidnischen Ich bei Nacht.
    Doch selbst wenn die lärmende Musik verstummte, war es auf dem Ocean Drive nie wirklich still; nie schien er zur Ruhe zu kommen. Die Restaurants und Bars waren geschlossen. Die letzten Zecher, die von Donnerstagabend bis Freitagmorgen durchgefeiert hatten, waren fix und fertig in ihre Betten gefallen. Die Einnahmen waren weggeschlossen, und die Kellner und Barkeeper hatten ihre wunden Füße eingeweicht und waren zusammengeklappt. Und doch waren schon früh am Morgen wieder Autos auf der Straße, ein einsamer Jogger lief mit flatterndem langem Haar den Strand hinunter, zwei Rollerbladefahrer glitten die Promenade entlang, und eine Frau mittleren Alters führte ihren Hund im Gras spazieren, während sich in der Nähe ein Schlafender umdrehte, kurz aufgeweckt vom Grollen einer Kehrmaschine.
    Der Morgen war warm und feucht und brachte keine Frische. In der Ferne war noch immer das Donnern der Gewitterfront zu hören, die in der Nacht über den Strand hinweggezogen war und den Himmel im Osten nun in einem Rausch aus Farben leuchten ließ, von Grauviolett bis Rosa. Der Strand selbst lag in seiner ursprünglichen Unschuld ruhig und gelassen da. Sanft und friedlich wogte das flache Wasser des Atlantiks, und der Sand war glatt, über Nacht von Vögeln, Wind, Regen und anderen unsichtbaren Kräften in seinen eigentlichen Zustand zurückversetzt. Fast schien er für diesen Moment in pastellfarbenen Tönen zu posieren und sich auszuruhen, bevor die Menschen zurückkehrten, um ihn erneut zu zertrampeln und zu beschmutzen.
    Wie an allen Stränden in Miami-Dade County galten auch in

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