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Sherlock Holmes - Das ungelöste Rätsel

Titel: Sherlock Holmes - Das ungelöste Rätsel
Autoren: Alisha Bionda
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lassen Sie sich doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!“ Mit fast zeremonieller Anmut verteilte Sherlock Holmes einen Klecks Orangenmarmelade auf seinem Toast und biss dann genüsslich hinein. In Momenten wie diesen konnte ich nachempfinden, was einen Mord im Affekt auslösen mochte. Eine Ewigkeit und einen Schluck Kaffee später bemüßigte sich Holmes endlich einer Antwort.

    „Es ist ein so schöner Tag, Watson.“ Er lächelte. „Was halten Sie davon, mich heute Abend auf eine Mörderjagd zu begleiten?“
    „Selbstverständlich werde ich Ihnen zur Seite stehen“, sagte ich.
    „Doch wo um alles in der Welt soll diese Jagd stattfinden?“ Mit schon übertriebener Gelassenheit köpfte Holmes sein Frühstücksei. „Nach meinem Dafürhalten dürfte sich ein Besuch im Zoo als lohnend erweisen.“
    Aus Erfahrung wusste ich, dass es keinen Sinn machte, auf weiteren Informationen zu insistieren. Obwohl Holmes alles andere als abergläubisch war, so vermied er es doch geflissentlich, die Früchte seiner geistigen Arbeit vorzeitig zu präsentieren. Es war Vorsicht gepaart mit Dramatik. Nicht zuletzt auch wegen dieser unmerklichen Inszenierung erschien Außenstehenden sein Handeln oft als schiere Zauberei.
    Ich verbrachte den Rest der Zeit damit, Patientenakten auf den neuesten Stand zu bringen und mich durch die ersten Kapitel von Thakerays „Jahrmarkt der Eitelkeit“ zu kämpfen. Kurz vor acht Uhr bestiegen wir schließlich einen Landauer, der uns über das Gloucester Gate des Regents Parks zum Haupteingang des Zoos brachte.
    Auch wenn Holmes mit keinem Wort darauf eingegangen war, so hatte ich doch in weiser Voraussicht meinen Webley eingesteckt.
    Auch wenn ich mich dem Hippokratischen Eid verpflichtet fühlte, so würde ich im Notfall nicht zögern, von der Waffe Gebrauch zu machen. Immerhin waren wir keinem kleinen Dieb oder Betrüger auf der Spur.
    Sherlock Holmes sprach während der gesamten Fahrt kaum ein Wort. In seiner typischen Art, die leicht gespreizten Hände auf fast betende Weise vor dem Gesicht, wobei die beiden Zeigefinger seine Nasenspitze berührten, blickte er starr geradeaus ins Nichts. Mir war diese Geste höchster Konzentration durchaus vertraut und doch meinte ich, einen Schatten auf seinen Zügen ablesen zu können. Irgendetwas schien meinen Freund zu beunruhigen; ich bezweifelte aber, dass die Konfrontation mit dem Mörder die Ursache dafür war.
    Angst war eine Emotion, die sein rationaler Verstand schon immer im Keim erstickt hatte.
    Wir betraten den Zoologischen Garten und folgten der breiten Hauptallee in südlicher Richtung. Wäre die Situation nicht gar so heikel gewesen, ich hätte das gemächliche Flanieren vorbei an den exotischen Tieren durchaus genießen können; so aber hetzte mein Blick unstet hin und her. Der keuchende Mörder konnte schließlich aus jedem Schatten, hinter jedem Baum plötzlich hervorspringen.
    Wir mochten wohl die Hälfte der Allee zurückgelegt haben, als Holmes mit einem Mal stehen blieb.
    „Fällt Ihnen nichts auf?“, fragte er mich.
    Ich fühlte mich überrumpelt. Trotz meiner angespannten Aufmerksamkeit, hatte ich bislang nichts Verdächtiges bemerkt.
    „Die Leute“, beantwortete Holmes mein Schweigen. „Das ist es, was hier nicht stimmt. Es sind die Leute!“
    Ich betrachtete die Zoobesucher nun genauer. „Sie sind nicht sehr zahlreich, wenn es das ist, was Sie meinen“, entgegnete ich. „Familien mit Kindern, die man für gewöhnlich an Sonntagen hier sieht, sind um diese späte Stunde halt nicht mehr unterwegs.“
    „Genau das ist es!“, bestätigte Holmes. „Es gab eine Schwachstelle bei meinen Überlegungen und wie sich nun zeigt, war meine Schlussfolgerung falsch. Nein, sie war dilettantisch! Was bin ich nur für ein Hornochse. Der Ort ist richtig, doch das Bindeglied war nicht der Zoo!“ Er umfasste mein Revers und zog mich unsanft mit sich. „Kommen Sie, Watson! Wir müssen uns beeilen. Durch meine Schlamperei haben wir kostbare Zeit verloren. Ein Leben ist in Gefahr. Und nur mit viel Glück können wir das Schicksal vielleicht noch abwenden.“ Halb stolpernd, halb laufend folgte ich meinem aufgebrachten Freund den Terrace Walk entlang, von wo aus wir direkt auf den Südausgang des Zoos zusteuerten. Noch immer hastete Holmes voran.
    „So sputen Sie sich doch, Watson!“, trieb er mich an. „Sehen Sie denn nicht, dass die Dämmerung bereits eingesetzt hat. Jede Sekunde zählt.“ Mühsam versuchte ich mit ihm Schritt zu

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