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Shampoo Planet

Shampoo Planet

Titel: Shampoo Planet
Autoren: Douglas Coupland
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TEIL EINS
1
     
    Als meine Mutter Jasmine heute morgen aufwachte, fand sie das Wort S-C-H-E-l-D-U-N-G spiegelverkehrt mit dickem schwarzem Filzstift auf ihre Stirn geschrieben. Natürlich wußte sie beim Aufwachen nichts davon. Erst als sie ins Badezimmer trat, um sich die Zähne zu putzen, und in den Spiegel sah (ein von einer schwer geprüften Efeuranke umrahmter Spiegel, vor dem ich vor mehreren Jahren lernte, mich zu rasieren), stand ihr das Wort in korrekter Schreibweise vor Augen; woraufhin sie laut genug aufschrie, daß sie damit Tote hätte wecken können, was bei uns zu Hause bedeutet, meine Schwester Daisy.
    Ich jedenfalls war nicht zu Hause, als das Erwachen meiner Mutter stattfand. Ich befand mich zu der Zeit in einer 767 und sauste über den Atlantik heimwärts. Aber Daisy erzählte mir später am Telefon alles über das Martyrium, und während ich jetzt gerade über Daisys Neuigkeiten nachdenke (Jasmine ist offenbar zum Sprechen nicht in der Lage), sitze ich in meinem Zimmer im sechzehnten Stock eines reizenden Mittelklassehotels, das an den LAX-Flughafen in Los Angeles, Kalifornien, grenzt und eine Aussicht auf die Start- und Landebahn freigibt; einen Ausblick auf landende Jets, während sich Vogelschwärme, immun gegen das Geheul der Flieger, ruhig auf einer Seite der Landebahn zum Futterpicken niederlassen.
    »Es hing irgendwie mit 'nem Scrabble-Spiel zusammen, Tyler. Die Erklärung war völlig konfus«, sagte Daisy. »Einfach furchtbar. Schrecklich, so etwas zu tun. Richtig niederträchtig. Mir ist ganz schlecht.«
    »Wohin ist Dan gegangen?« fragte ich, da Dan (wie ich annehme) jetzt ebenso Jasmines Ex-Mann wie mein, Daisys und meines kleinen Bruders Mark Ex-Stiefvater ist.
    »Keine Ahnung. Mama kann sich noch nicht einmal in die Öffentlichkeit wagen. Die Tinte wird noch tagelang auf ihrer Haut haften. Ich mußte sie mit aller Kraft vom Waschbecken wegzerren. Sie war drauf und dran, ihre Stirn zu einem Hamburger zu verarbeiten, als sie versuchte, das Wort ab zuschrubben. Sie hat was zur Beruhigung geschluckt.«
     
    Nun ja, denke ich, wieder mal ohne Vater. Jasmine hat wirklich eine Hand für Gewinner, ihre Vorliebe für vermögende Enthusiasten macht sich mal wieder bezahlt. Und wieder einmal - wie damals, als mein biologischer Vater Neil Jasmine verließ, um von da an seine Zeit in Humboldt County zu vergeuden - ist mir zumute, als würden sich die Türen unseres Hauses öffnen und unsere Eltern uns Kindern verkünden: Huhu! Tut uns leid, aber wir haben euch beim Pokern verloren. Wir fürchten, ihr müßt jetzt verschwinden.
    Daisy empfindet genauso wie ich. Und jetzt, nach Beendigung unseres Telefongesprächs - eines Gesprächs, bei dem Daisy die meiste Zeit heulte und ich die meiste Zeit zuhörte -, sitze ich auf der Bettkante in meinem LAX-Hotelzimmer, einem Zimmer, das so ruhig ist, daß ich die freundlichen, sauberen Möbel hören kann, und denke nach.
    Ich weiß, eigentlich sollte ich deprimiert sein, aber ehrlich gesagt, deprimiert sein ist hart. Ich durchlebe gerade eine aufregende Periode in meinem Leben und weigere mich, mir meine Begeisterung vom Schicksal wegnehmen zu lassen. Ich bin wieder zurück in der Neuen Welt, wieder in der Welt der riesigen rosa Florida-Grapefruits und der guten Telefonverbindungen, des Kaffees ohne Satzreste, vernünftiger Einkaufszentren und hoher Erwartungen - zurück nach einem Sommer voller aufregender Erlebnisse in der alten Welt Europa. Während ich hier so sitze, bin ich eigentlich ganz froh darüber, meinen Anschlußflug nach Seattle verpaßt zu haben, froh darüber, so tief in meinen Walkman gestöpselt gewesen zu sein, daß ich die Ansage der Anschlußflüge überhörte (ein echt heißer Sound, auf den ich in London stieß -Songs über Geld, geschrieben von Maschinen).
    Ich bin auch froh darüber, weil ich, wäre ich nicht über Nacht in L. A. hängengeblieben, nicht in diesem Moment auf den Balkon hinaustreten könnte, um den Ausblick, der sich vor mir erstreckt, zu genießen, den pazifischen Sonnenuntergang, nicht im geringsten abgenutzt, orangefarben und sauber wie in Folie eingeschweißtes exotisches Gemüse. Und ich würde keine Dollarnote unter meine Nase halten, um festzustellen, wonach sie riecht - ein sauberer, angenehm anonymer Geruch wie der im Innern meines perfekten Hotelzimmers, das von einem honigfarbenen Sonnenkringel erhellt wird. Und ich hätte dieses Gefühl nicht gekannt, das ich habe, während ich hier auf meinem Balkon stehe

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