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Shadow Touch

Titel: Shadow Touch
Autoren: Marjorie M. Liu
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Erinnerung vibrierten. Er fühlte die unglaubliche Fülle von aufeinanderfolgenden Gedanken, erstarrt in der Zeit, und presste seinen blassen Handrücken auf den Boden, in das Blut und ...
    Es war wie eine Zeitreise, die die Taten der Geister, die in Echos gefangen waren, zurückspulte, schneller und schneller, während sie der goldenen Kugel der Erinnerung in das Zentrum des Labyrinths folgten, in das emotionale Herz. Es war der Minotaurus, der auf seinem Lager aus Knochen ruhte. Vorbei an der Polizei, der Spurensicherung, vorbei an den Rufen, wenn etwas entdeckt wurde, vorbei an ... ich sterbe, o Gott, bitte, lass es aufhören, bitte rette mich ... in die Dunkelheit hinein, eine würgende Kehle, um die sich feste Finger legten, zudrückten, so fest und ... hör auf, nicht, bitte ...
    Artur sah den Mörder durch die Augen seines Opfers: braunes Haar, grüne Augen, kaltes Lächeln. So kalt, so alt vor Wut, ein Tod am Strick, gehalten am Ende einer langen, schwarzen Schnur ...
    ... er bewegte seine Hände und befand sich unvermittelt im Kopf des Mörders ... weil es viel zu lange her war; bitte schrei ein bisschen, wenn ich dich berühre, nur ein bisschen ... Er sah Dunkelheit, eine leere Straße. Er fühlte die Kalkulation, den Druck von Zeit und Vorgehensmuster, hörte die raschen Schritte einer laufenden Frau, wie ein Herzschlag, der auf
    Beton pochte ... so süß, so hübsch, nur eine kleine Vorspeise, bevor ich gehen muss ... Dann verlagerten sich die Erinnerungen, er war wieder die Frau, lag erneut auf dem Boden, schluchzend, schreiend, während scharfes Metall über ihrer Kehle schwebte, und darüber der Mann, so stumm, so ruhig, als er ... als er ...
    »Nein!«, keuchte Artur, riss sich los, riss sein Herz aus dem Widerhall. Die Vision schleuderte ihn brutal zurück, in einem gewalttätigen Aufruhr, in dem der emotionale Tumult in den körperlichen übersetzt wurde. Er fühlte Lippen auf seinem Körper, Schmerz, Entsetzen, als er ... als er ...
    Vergewaltigt wurde.
    Artur übergab sich. Er spürte die Papiertüte um seinen Mund ... Dean. Dean, der ihn so gut kannte, hielt sie ihm hin, während er darauf achtete, Arturs nackte Haut nicht zu berühren, darauf bedacht war, seinen Geist nicht noch weiter zu belasten, mit mehr Visionen, mehr Schmutz, mehr und immer mehr ...
    Artur konnte nicht aufhören zu würgen. Dean fluchte. »Uns läuft die Zeit davon, Mann«, zischte er. »Sie kommen zurück.« Er drückte Artur die feuchte Tüte in die Hand und zog an der Kette, die von der Glühbirne herunterhing. Die Dunkelheit verschluckte sie. Es war eine sanfte Finsternis, wie von einer Augenbinde, das Vorspiel zu einer Liebkosung.
    Artur presste die Kiefer zusammen und hustete, als sein Körper weiter auf das Trauma seines Gehirns reagierte, es abstieß. Er kauerte zusammengesunken da, während er dem Knarren der Bodendielen über ihm lauschte. Er hörte die gedämpfte Stimme einer Frau, die sich beschwerte, forderte, dann die Antwort eines Mannes, kurz und abgehackt. Artur konnte die Worte nicht verstehen, doch Dean hauchte: »Gut.« Und diesmal, zum ersten Mal seit Jahren, überließ Artur je-mand anders die Verantwortung und konzentrierte sich ausschließlich darauf, so etwas wie Selbstbeherrschung wiederzugewinnen, seine kostbare Selbstbeherrschung.
    Die Minuten verstrichen nur zäh. Arturs Körper beruhigte sich allmählich, während er wieder von sich Besitz ergriff, wie seine Seele, die nach Hause trieb. Sein Herzschlag verlangsamte sich, und er konnte atmen, ohne zu würgen.
    Über ihnen ertönten Fußschritte, von harten Sohlen, dazu das Klicken von hohen Absätzen. Eine Tür fiel zu. Unter der Kellertür drang gerade so viel Licht hindurch, dass Artur Umrisse erkennen konnte, und er beobachtete, wie Dean die Augen schloss und den Kopf schüttelte.
    »Das war knapp.« Er flüsterte noch immer. »Zu unserem Glück stand ihnen nicht der Sinn danach, die Nacht an einem Tatort zu verbringen.«
    »Sie haben Angst, dass der Serienmörder zurückkommt.«
    »Genau.« Dean sah ihn an. »Hast du, was du brauchst?«
    Viel zu viel. Zu viel von dem, was ich nicht brauche.
    »Nein.« Er stopfte sich die Tüte mit seinem Erbrochenen in die Manteltasche. An den Tagen, an denen er arbeitete, sollte er besser nichts essen. »Ein Gesicht, einen Geist. Die Emotionen haben den Rest ertränkt.«
    Dean öffnete den Mund, um etwas zu sagen, zögerte jedoch. »Ich weiß«, bemerkte Artur. »Wir müssen eine andere Möglichkeit

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