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SGK264 - Im Wartesaal der Leichen

SGK264 - Im Wartesaal der Leichen

Titel: SGK264 - Im Wartesaal der Leichen
Autoren: Larry Brent
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ihrem verstorbenen Bruder hatte, schrie gellend auf, und ihre
Schwester fiel in den Schrei mit ein.
    Mit steifen Bewegungen durchquerte er die Küche. Die Scherben
unter seinen Füßen knirschten und krachten, bis er die Fensterbank erreicht
hatte. Er schwang sich über sie hinweg und tauchte in der Nacht unter.
    Im nächsten Moment herrschte in dem kleinen Haus der Tsus ein
Leben wie im Bienenstock.
    Fragen schwirrten durch die Luft, alles redete wirr durcheinander.
Es hagelte Vorwürfe.
    Sie betrafen Mi und ihre Schwester.
    Die beiden Mädchen waren kaum imstande, über das zu sprechen, was
sie gesehen hatten.
    Verschüchtert und ängstlich standen sie da. Mi Tsu setzte mehrere
Male an, zu erklären, was sich ereignet hatte - doch ihr Vater ließ sie nicht
zu Wort kommen.
    Er geriet in einen förmlichen Wutanfall, als er die zertrümmerte
Küche sah, in der kein Teller, keine Tasse und kein Möbelstück mehr heil waren.
    »Was habt ihr da getan? !« schrie Chan Tsu
wütend.
    »Aber Vater, das waren nicht wir! Das war...«, kam es stockend aus
dem Mund der Schwester Mis.
    »Was ist nur in euch gefahren? Habt ihr den Verstand verloren ?« Er schien überhaupt nicht zu merken, was man ihm zu
erklären versuchte.
    »Es war Lee, es war Lee !« stieß die
Siebzehnjährige hervor.
    »Jetzt fängst du auch noch damit an !«
    Chan Tsu tobte. Er konnte sich nicht mehr beherrschen. Er stauchte
seine ganze Familie zusammen, insbesondere machte er seinen beiden Töchtern,
die im Zimmer gegenüber der Küche geschlafen hatten, die gröbsten Vorwürfe.
    Er war überzeugt, daß sie für das Ereignis verantwortlich waren.
    »Das habt ihr ausgeheckt«, schrie er. »Mi - du wolltest das
untermauern, womit du uns vorhin belogen hast. Du hast den Verstand verloren.
Wie konntest du dich nur dazu hinreißen lassen, so etwas zu tun? Und du N'go -
bist nicht weniger schuldig. Du hast sie unterstützt .«
    »Nein, nein !« fuhr die Siebzehnjährige
dazwischen.
    Das Innere des kleinen Hauses glich einer Irrenanstalt.
    Die Menschen waren verwirrt, Beschuldigungen wurden ausgesprochen
und unglaubliche Behauptungen aufgestellt, um die Vorgänge greifbar und
erklärbarer zu machen.
    Chan Tsu war überzeugt davon, daß sich die beiden Mädchen ihre
Erklärungen aus den Fingern sogen, um die Geschichte zu decken, mit der Mi Tsu
nachts aufgekreuzt war.
    Mi hatte den Verstand verloren. Sie tobte, als ihr Vater sie
wissen ließ, daß er ihr kein Wort von dem abnehme, was sie bisher erzählt
hatte.
    Mehrere Mitglieder der Familie mußten die Fünfundzwanzigjährige
festhalten, schleppten sie in ihr Zimmer und banden sie aufs Bett, wo sie
solange schrie, bis vor Erschöpfung die Stimme versagte.
    N'go, der Jüngeren, erging es nicht besser.
    Gemeinsam mit den beiden ältesten Söhnen und seinem Bruder suchte
der aufgebrachte Chan Tsu auf Drängen seiner Frau die Umgebung des Hauses ab.
    Er sah die Fußspuren vor dem Fenster und registrierte auch, daß
der niedrige Zaun rings um den Garten an einer Stelle zwischen den Büschen
etwas heruntergedrückt war.
    Das war am Morgen noch nicht gewesen.
    Dennoch wehrte er sich dagegen, an die Rückkehr eines Toten zu
glauben, der auf einer dem Festland vorgelagerten Insel im Wartesaal der
Leichen lag, dafür vorgesehen, eines Tages in das Land der Ahnen
zurückzukehren, woher Chan Tsus Vorfahren und er selbst gekommen waren.
    Es war der Wunsch eines jeden Chinesen, die Toten in dem Ort zu
bestatten, aus dem die Vorfahren einst kamen.
    »Es ist ungeheuerlich«, sagte Chan Tsu mit zittriger Stimme. »Sie
ist krank, sie sind beide krank, sie haben sogar den Boden aufgewühlt und den
Zaun herabgedrückt, damit wir ihre Geschichte glauben sollen .«
    Eine halbe Stunde lang suchten die vier Männer die nähere Umgebung
des Hauses ab. Doch in den etwa siebenhundert Meter entfernten Wald am Fuß des
Abhangs gingen sie nicht.
    Warum sollten sie auch?
    Chan Tsu war überzeugt davon, die Wahrheit zu wissen. Wenn hinter
dem Vorgehen der beiden Mädchen wirklich keine Absicht steckte - dann mußte er
davon ausgehen, daß die Krankheit seiner Tochter Mi auf die jüngere Schwester
wie ein Bazillus übergesprungen war.
    Der Chinese ordnete an, daß ab dieser Minute jeder auf jeden genau
zu achten habe.
    Es ging etwas in seinem Haus vor, das zu bekämpfen war. Man mußte
nur die richtige Einstellung zu den Dingen haben.
    »Keiner von euch glaubt hoffentlich, daß mein Sohn Lee
zurückgekommen ist und das Haus seines Vaters in ein

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