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Septimus Heap - Fyre

Titel: Septimus Heap - Fyre
Autoren: Angie Sage
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Geringste geahnt. Seine Kehle schnürte sich zu. Er schluckte schwer und fuhr sich über die Augen. Mit einem Mal erlebte er das, was er einen Zeitsprung nannte – er wurde in die Jahre zurückversetzt, als er genau hier, an dieser Stelle, gestanden hatte.
    Seine treuen Trommlinge wuseln um ihn herum. Julius Pike, der Außergewöhnliche Zauberer und sein einstiger Freund, steht auf der oberen Plattform und brüllt, das Prasseln der Flammen übertönend: »Marcellus, ich lege die Kammer jetzt still.«
    »Bitte, Julius«, fleht er, »nur noch ein paar Stunden. Wir können das Feuer unter Kontrolle halten. Ich weiß es.« Neben ihm auf der Plattform steht der alte Duglius Trommling. Er sagt: »Außergewöhnlicher, wir Trommlinge können dafür bürgen.«
    Aber Julius Pike erkennt einen Trommling nicht einmal als Lebewesen an. Er schenkt Duglius nicht die geringste Beachtung. »Du hattest deine Chance«, schreit er. »Ich versiegele jetzt die Wassertunnel und friere sie ein. Es ist vorbei, Marcellus.«
    Mehrere stämmige Zauberer zerren ihn zur Luke. Er bekommt Duglius zu fassen und zieht ihn mit sich, fest entschlossen, wenigstens einen Trommling zu retten. Aber Duglius sieht ihm in die Augen und fordert streng: »Alchimist, lass mich los. Meine Arbeit ist noch nicht getan.«
    Das Letzte, was Marcellus sieht, bevor der Lukendeckel zufällt, ist der alte Trommling, der traurig seinen Blick erwidert – Duglius weiß, dass dies das Ende ist.
     
    Danach war Marcellus in Teilnahmslosigkeit verfallen. Er hatte Julius seinen Alchimieschlüssel ausgehändigt. Sogar mitgeholfen hatte er bei der Versiegelung der Großen Kammer der Alchimie und Heilkunst und nur müde mit den Schultern gezuckt, als ihm Julius mit einem boshaften Grinsen eröffnete, dass er jede Erinnerung an die Feuerkammer auslöschen werde: »Für immer, Marcellus. Es soll nie wieder ein Wort darüber verloren werden. Und in Zukunft wird niemand mehr erfahren, was hier unten ist. Niemand. Alle Aufzeichnungen werden vernichtet.«
    Marcellus riss sich von der Erinnerung los, und die fernen Echos der Vergangenheit verklangen. Dies alles war längst vorbei, sagte er sich. Selbst der gefürchtete Julius Pike war nur noch ein Geist. Wie es hieß, war er dorthin zurückgekehrt, wo er aufgewachsen war – auf einen Bauernhof bei Port. Aber er, Marcellus Pye, war noch hier, und er hatte eine Aufgabe. Er musste das Feuer wieder in Gang setzen und den Ring mit dem Doppelgesicht vernichten.
    Marcellus schwang sich auf die Metallleiter, die von der oberen Plattform nach unten führte, und machte sich vorsichtig an den Abstieg in die Feuerkammer – oder die Tiefen, wie die Trommlinge sie genannt hatten. Die Leiter wackelte bei jedem Tritt, aber Marcellus strebte unbeirrt der breiten Plattform weit unten zu, von der nun immer mehr Feuerkugeln zu ihm heraufblinzelten. Ungefähr zehn Minuten später setzte er den Fuß auf die einstige Beobachtungsstation und blieb stehen, um sich ein Bild zu machen.
    Er befand sich nun auf gleicher Höhe mit dem oberen Rand des Feuerkessels und spähte hinab auf die sternförmigen Spitzen der Feuerstäbe. Ihr matter Glanz verriet ihm, dass sie unbeschädigt waren. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, hatten sie gebrannt und waren vor seinen Augen zerfallen. Und jetzt … Marcellus schüttelte bewundernd den Kopf. Wie hatten die Trommlinge das nur geschafft?
    Ein schmaler Laufgang, der sogenannte Inspektionskreisel, führte außen um den Kessel herum. Er bestand aus Metallgittern, die dort, wo sie sich in der Hitze verbogen hatten, ausgebessert waren, wie Marcellus jetzt erkennen konnte. Mit äußerster Vorsicht setzte er den Fuß darauf und hielt sich gleichzeitig an den Geländern auf beiden Seiten fest. Er zog einen kleinen Hammer, einen sogenannten Trommler, aus seinem Werkzeuggürtel, umklammerte ihn fest und setzte seinen Weg fort. Alle paar Schritte blieb er stehen, klopfte gegen den Metallrand des Kessels und horchte angestrengt. Soweit er es beurteilen konnte, war der Kessel intakt, aber Marcellus wusste, dass seine Ohren längst nicht so gut waren, wie es diese Aufgabe eigentlich erforderte.
    Genau dies hatten die Trommlinge rund um die Uhr, Tag und Nacht, getan. Sie hatten sich in Scharen um den Kessel gedrängt, mit ihren kleinen Hämmern unablässig gegen das Metall geklopft, seinem Klang gelauscht und alles verstanden, was es ihnen mitzuteilen hatte. Marcellus wusste, dass er nur ein schlechter Ersatz für einen Trommling

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