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Selige Witwen

Selige Witwen

Titel: Selige Witwen
Autoren: Ingrid Noll
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tatsächlich eine Urgroßmutter im Schwarzwald hatte.
    So kam es zu jener Reise, die unser Leben verändern sollte.
    Wie sich herausstellte, ließ sich Charlotte Schwab jedoch noch nicht so schnell beerben. In Darmstadt wurde uns die Tür von einem jungen Mann geöffnet, der strahlend wie ein Engel verkündete, die Oma sei fast wieder gesund. Es war Coras Vetter, den man mir bereits als Musterknaben geschildert hatte, weil er die Versorgung der alten Dame im Bedarfsfall gegen gute Bezahlung übernahm.
    »Hör, Felix«, sagte Cora streng, »ich präsentiere ihr jetzt dieses Kind als Urenkel. Und wehe...«
    Gemessenen Schritts traten wir ein, vorsichtshalber schon mal schwarz gekleidet, was gut aussah zu unserer gepflegten Sonnenbräune. Coras Großmutter trug einen grünen Jogginganzug, saß am Fenster, las mit Hilfe einer Lupe einen Brief und stieß dabei mit dem Fuß einen Schaukelstuhl an, in dem eine Schaufensterpuppe saß. Der Fernseher lief ohne Ton.
    Die alte Frau begrüßte ihre Enkelin herzlich, reichte mir die Hand und stellte fest: »Das muß Maja sein! Wie reizend, daß Sie Ihren Kleinen mitbringen!«
    »Nein, Oma, das ist mein Kind«, sagte Cora feierlich.
    »Ich dachte, es ist Zeit, endlich mit der Wahrheit herauszurücken.«
    Trotz der vorausgegangenen Warnung wieherte Felix los, die Großmutter fiel ein, ich lachte schließlich mit. Bela wurde nach dem langen Stillsitzen wieder munter, fegte wie ein Irrwisch im Zimmer herum, warf einen Meißner Teller zu Boden und schwatzte in italienisch-deutschem Kauderwelsch auf die Puppe im Schaukelstuhl ein. Ich wußte genau, daß er noch eine Weile den Clown spielen würde, um dann todmüde in Tränen auszubrechen. Cora ärgerte sich.
    An diesem denkwürdigen Tag lernte ich Felix näher kennen.
    Was Wunder, daß er mit seinem charmanten Diensteifer das Herz seiner Oma gestohlen hatte. Er himmelte auch Cora an, bettete den müden Bela aufs Sofa, kochte Tee, entkorkte eine Weinflasche und warf mir gelegentlich so treuherzige Blicke zu, daß ich nicht recht wußte, ob ich ihn nett oder zu brav finden sollte.
    »Wollt ihr bei den Eltern oder bei Regine übernachten?«
    fragte die Großmutter. »Ich habe höchstens Platz für eine Person.«
    Cora mochte weder bei Vater und Mutter in Heidelberg noch bei ihrer Tante schlafen, sie verzog das Gesicht.
    »In unserer WG ist in den Semesterferien viel Platz«, sagte Felix. »Zwei Mitbewohner sind ausgeflogen, ihre Betten stehen leer, und für den Kleinen bauen wir ein Nest.«
    Cora war einverstanden, ich wurde nicht gefragt.
    Die Großmutter zog die Brauen hoch, musterte Enkelin und Enkel - und schließlich mich -, sagte aber nichts.
    Bevor wir uns verabschiedeten, bot sie uns muffige Kekse und ein Balladenstündchen bei Kerzenlicht an. Als sie mit »Wild zuckt der Blitz. Im fahlen Lichte steht ein Turm...«
    begann, türmten wir.
    Während wir hinter ihrem Vetter herfuhren und er uns nicht hören konnte, sagte Cora: »Meine Oma phantasiert, daß ich etwas mit diesem grünen Jungen anfangen will.
    Aber das hat nichts mit mir, sondern bloß mit ihren eigenen Ansprüchen zu tun, denn sie liebt Felix über alles.«
    Ich nahm die Alte in Schutz, aber Cora lachte mich aus.
    Von wegen abgeklärt - ihre Großmutter besuche alle paar Tage einen Methusalem im Altersheim, und der sei ihr Lover. »Da kann man nur sagen je oller, um so doller.«
    In der WG machte Felix sich abermals nützlich und durchforstete die Speisekammer der Gemeinschaftsküche, um uns in aller Eile ein warmes Essen zu kochen. Wir waren zwar bessere Pasta gewohnt, langten aber trotzdem zu. Nach einer Weile tauchte ein ebenso müder wie magerer Student namens Andy auf, aß zwei Portionen, ohne viel zu reden, und verzog sich wieder. Bela schlief schon längst auf dem schmuddeligen Lammfell eines Hundes, als Cora gegen Mitternacht nach einem Bett verlangte. Felix zeigte uns zwei leerstehende Zimmer; im einen stand ein Ehebett, im anderen lag eine Matratze. Unverzüglich trug ich mein Kind ins Doppelbett und legte mich daneben; es war mir völlig gleichgültig, wann, wo und wie Cora und Felix schliefen.
    Am nächsten Morgen erwachte ich erst spät und suchte verschlafen meinen Sohn. Bela saß mit Felix am Küchentisch und panschte in einer Schale mit Milch und Cornflakes herum, während ein struppiger Köter unterm Tisch die willkommene Beute aufleckte. Felix streckte mir bereitwillig eine Kakaotüte entgegen, aus der er selbst gerade getrunken hatte. Ich lehnte ab

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