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Selige Witwen

Selige Witwen

Titel: Selige Witwen
Autoren: Ingrid Noll
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Einzelheiten, die das Landgut betrafen, beim Makler zu informieren. Sie griff zum Handy und gab Emilia Bescheid. Dann zog sie ihren Malblock hervor, und Dino mußte gut eine Stunde Modell stehen. Den
    Rest des Tages verbrachten wir am Pool, bis wir abends alle drei nach Castellina zum Essen fuhren.
    Das hübsche kleine Städtchen mit Piazza, Kirche und Verteidigungsanlage lag auf einem Hügel zwischen den Tälern der Flüsse Arbia, Elsa und Pesa. Bei der zuppa inglese kamen wir wieder auf den mysteriösen Tod des Engländers zu sprechen. »Ist der Neffe eigentlich nach dem Tod seines Onkels sofort angereist und hat Anweisungen für den Verkauf gegeben?« fragte ich.
    »Natürlich«, sagte Dino, »ein unangenehmer Typ. Er bezahlt zwar meinen Opa noch weiter, weil sich das Anwesen mit einem vertrockneten Garten wohl weniger gut verkaufen läßt, aber er hat sofort das Telefon abgemeldet und Lucia entlassen.«
    »Wen?«
    »Die Haushälterin. Oder glaubt ihr, il barone hätte selbst gekocht?«
    Dino sah Cora voller Zweifel an. Wenn sie wirklich reich war, dann mußte sie sich in den Gepflogenheiten eines Millionärs eigentlich auskennen.
    »Erzähl weiter«, drängte ich, »der Neffe hat sich also nicht gerade beliebt gemacht! Hat er seinen Onkel zu Lebzeiten denn häufig besucht?«
    »Nein, nicht daß ich wüßte. Übrigens hat er die Sammlung sofort einpacken lassen und mit nach England genommen.
    Sicher nicht aus Sentimentalität, sondern um sie zu verscherbeln.«
    »Welche Sammlung?« fragten wir wie aus einem Mund.
    Dino schüttelte den Kopf über unsere schlechte Beobachtungsgabe.
    »Ihr tut so clever, dabei sind euch noch nicht einmal die leeren Vitrinen aufgefallen! Lucia hat ein paar alte Vogelnester hineingelegt, damit es nicht gar so kahl aussieht. Schade, daß ihr seine Schätze nie mehr sehen könnt! Wie im Museum!«
    Mein Interesse war geweckt. Il barone wurde mir immer sympathischer. »Was hatte er denn gesammelt?« fragte ich.
    Dino sah mich zum ersten Mal taxierend an und holte tief Luft: »Puppen! Alte, wertvolle Puppen aus Frankreich, meistens mit Porzellanköpfen. Und zwar nur Jungs, keine einzige Mädchenpuppe! Lucia brauchte viel Zeit, um die kleinen Matrosenanzüge zu waschen und die Gesichter mit Ohrenstäbchen zu putzen, aber es machte ihr Spaß. Eigentlich sollte man ja annehmen, daß eine solche Kollektion bloß einer Frau gefällt; Männer sammeln doch lieber Waffen, Münzen, Pfeifen...«
    »Und Briefmarken«, vervollständigte Cora.
    »Einmal wollte ihn sein Freund necken«, plauderte Dino, »und hat heimlich eine Mädchenpuppe zwischen all die Porzellanjungs geschmuggelt - eine moderne mit Busen, versteht sich. Il barone fand die Barbie überhaupt nicht lustig, ich dagegen habe mich krankgelacht, als Lucia es mir erzählte.«
    Nach weiteren Anzüglichkeiten legte ich mich am Abend gar nicht erst neben meine rothaarige Freundin ins Doppelbett, sondern bezog gleich eines der Gästezimmer.
    Montag früh mußten wir für unsere Verhältnisse zeitig aus den Federn, genossen aber dennoch die Fahrt nach Siena.
    Über Schleichwege fuhr uns Dino durch Wälder und über Äcker, wo die Bauern trotz der frühen Stunde schon beim Heumachen waren oder mit kleinen Traktoren die Erde zwischen den Weinstöcken pflügten, um Unkraut und Gras herauszureißen.
    An einem der Stadttore setzte uns Dino ab und verabschiedete sich. Es war noch zu früh, um den Makler aufzusuchen, und wir freuten uns auf ein kleines Frühstück auf dem Campo. Bei Cappuccino und Cornetti sprachen wir angeregt über jenen
    Sommer vor dem Abitur, als wir auf diesem Platz mit hübschen Burschen das Flirten übten - bis ein Kehrauto, das von einer jungen Frau bedient wurde, uns aus unseren Erinnerungen herausriß.
    »Sieh nur, welche Mühe sie mit den vielen Kippen hat«, bemerkte ich ein wenig schuldbewußt, denn auch wir pflegten nicht immer nach öffentlichen Abfalleimern Ausschau zu halten.
    »Du hättest bei Jonas im Schwarzwald bleiben sollen«, sagte Cora aggressiv und zündete sich eine Zigarette an.
    »Komm jetzt, wir sollten zum Busbahnhof gehen und schon einmal die Tickets für die Rückfahrt besorgen.«
    Wir hatten uns kaum von unseren Plätzen erhoben, als sich der Himmel verfinsterte.
    »In den Dom!« kommandierte Cora.
    Während der Regen auf das Kirchendach trommelte, konnte ich mich in Ruhe meiner Lieblingsbeschäftigung widmen und den wunderbaren Fußboden Meter für Meter abgehen. Ein Fries aus schwarzen, weißen und

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