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Seine Zeit zu sterben (German Edition)

Seine Zeit zu sterben (German Edition)

Titel: Seine Zeit zu sterben (German Edition)
Autoren: Albert Ostermaier
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der sich ihm hingab, er schwebte, ein fliehender Nachtschatten. Seine Seele war nicht länger eingeschneit, sein Herz nicht mehr niedergedrückt von Pappschnee, die Augen hinter der verspiegelten Skibrille nicht länger entzündet von der Sinnlosigkeit, fast strahlend, obwohl sie fast nichts erkennen konnte. Das Gedächtnis seines Körpers fuhr, stand gut auf den Brettern, ging in die Knie, beschleunigte mit jedem Schwung mehr. Ödön war befreit. Er hoffte, diese Fahrt fände nie ein Ende, nie ihr Ziel. Es war nach sechs, die Sonne war untergegangen. Es war leichtsinnig, in der Dunkelheit derart zu rasen, die leeren Pisten auszufüllen mit Schwüngen. Fast fühlte er sich wieder lebendig, zu lebendig für das, was kommen sollte, was ihn erwarten würde und leichter ertragbar wäre mit der erprobten Taubheit.
    Ödön erinnerte sich an die Mutprobe in der Kindheit. Maulwurfsspringen. Sie hatten sich eine Schanze gebaut und waren dann mit geschlossenen Augen gesprungen, blind bis zur Berührung mit dem Boden. Erst wenn sie aufkamen, durften sie wieder schauen. Wer schwindelte, wurde ausgeschlossen, durfte einen Tag lang nicht mehr mitfahren. Sie stürzten böse, verletzten sich, verschwiegen die Gründe, hielten zusammen, schworen sich ein auf ihr Geheimnis, ihre verborgene Kunst.
    Ödön dachte an die neue Kante über der Maieralm. Ein Sprung ins Paradies. Im Dunkeln über die Kante springen, hinter der es steil abfiel, unglaublich steil. Man würde sehend ins Unbekannte springen. Nein, es war zu wenig. Ödöns ganzer Körper, jede Faser mobilisierte sich, er schüttete den ersten Cocktail Adrenalin aus. Er würde zweihundert Meter früher die Augen schließen, damit er nicht wusste, wann er an der Kante war, wo sie begann. Er würde es erst merken, wenn er flog. Der Gedanke elektrisierte Ödön. Er war nicht lebensmüde, nicht mehr, im Gegenteil, er wollte wieder leben, die Grenzen überspringen, um zurückzukehren, nein, um an einem ganz anderen Punkt neu anzufangen, die alte Haut wie einen Overall abzustreifen und im Schnee liegen zu lassen.
    Es war so weit. Ödön bremste ab. Er konzentrierte sich. Nahm die Richtung ins Visier, stellte seinen Körper ein. Er strahlte, wie ein Junge, wie das Kind, das er war, als er es das erste Mal ohne Sturz geschafft hatte. Er stieß sich ab, Abfahrtshocke, breiter Stand, die Stecken in die Rippen gepresst. Was für ein Thrill, was für ein Gefühl! Er wurde immer schneller. Wie weit war es jetzt noch? Ödön spürte die Wellen unter sich, die Geschwindigkeit übertrug sich auf seine Beine, seinen Bauch, seinen Arm, seinen Hals, seinen Kopf, seinen Atem, sein Herz raste, raste vor Glück. Es war verrückt, er spürte keine Angst. Er wusste auf einmal, er war über den Berg, er konnte es schaffen, er würde es schaffen, ein neues Leben, das im Himmel begann. Plötzlich war er in der Luft, er war über die Kante gerast, er sprang, er war im Sprung, er presste die Augen noch fester zu, zwang sich, sie zuzulassen. Wie atemberaubend, die schönsten Sekunden seines Lebens, gleich würde er aufkommen, die Augen öffnen und alles wäre gut.
    Jetzt, jetzt, er spürte den Boden, kämpfte um sein Gleichgewicht, die Unwucht, aber er stand, er stand seinen Sprung, er war so schnell, er hatte seinen Sprung gestanden, jetzt wäre es nur noch ein Kinderspiel, ich habe es geschafft, er riss die Augen auf, ganz weit. Und raste in das blendende Licht der Pistenraupe, deren Scheinwerfer ihn zwischen der Stirn trafen.

2
    Er warf sie auf das Bett. »Wenn du denkst, der Sturm sei vorbei, hast du dich getäuscht, er fängt gerade erst richtig an.« Er riss ihr die Kleider vom Leib, tat zumindest so, als würde er alles zerfetzen, die Knöpfe an ihrer Bluse platzen lassen, dass sie wie Sternschnuppen vom Himmel fielen. Während sie seinen Gürtel öffnete, die Hose, war er schon weiter, atemlos, glich sein Atem, sein Schnaufen, immer mehr dem Sturm, den er versprochen hatte. »Da kommt er, dein Sturm, ein Hurrikan, komm, ist es da, das Auge des Sturms, ist es das?«
    Er glitt mit seiner Zungenspitze von ihren Brüsten, die er aus dem BH gehoben hatte, hinunter über ihren Bauchnabel bis zu ihrer Scham, öffnete mit seinen noch immer rudernden Armen ihre Schenkel und begann ihre Schamlippen zu küssen, zu schlecken, zu beißen, bevor sie ihn an den Haaren hochzog, zu sich zog und er in sie hineinstieß, »da ist er, dein Sturm, und er wird stärker, stärker, willst du den Schnee, den Schnee«, er

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