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Seine Zeit zu sterben (German Edition)

Seine Zeit zu sterben (German Edition)

Titel: Seine Zeit zu sterben (German Edition)
Autoren: Albert Ostermaier
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besser koordinieren, und vielleicht ist er schon da unten, hat irgendeinen Unterschlupf gefunden. Wir müssen auch in der Stadt suchen. Ich lasse einen Skido kommen, der Sie zur Hahnenkammbahn bringt. Dort wird Sie dann mein Kollege Schatterer in Empfang nehmen. Ich werde mit dem zweiten Skido Ihren Mann holen. Ich werde ihn über Funk aufspüren, machen Sie sich bitte nicht auch noch Sorgen um ihn, ich weiß ja, wo er ungefähr ist. Und du, Scotty? Willst du mit mir kommen oder sie begleiten?« »Ich fahre Ski. Warte, bevor du aufbrichst, willst du hier keine Ansage machen?«, forderte Scotty Bonnie auf und sah zugleich vor seinem inneren Auge die Horden betrunkener Skifahrer, die jetzt aus allen Hütten die Pisten hinuntertorkeln würden. Wo war eigentlich Lord, fragte er sich.
    Lord stand an der hinteren Tür. Er wählte eine Nummer. Keine Mailbox. Kein Name. Lord schaute zurück auf die Zeilen, die er unter dieser Nummer bekommen hatte: »Maierl. In einer Stunde. Es ist passiert. Kommen Sie. Bitte. Dieses Mal werden Sie mich erkennen.« Lords und Scottys Blicke trafen sich. Er musste ihm nichts erklären. Und verschwand durch den Hinterausgang.

23
    »Denkst du, du kannst mich wegdrücken?« Vladimir bereute, dass er die Handschuhe nicht angezogen hatte. Er hatte Angst, seine Finger würden an dem schwarzen Wegwerfhandy anfrieren und er müsste sie sich abschneiden, um es wegwerfen zu können oder es in der Faust anzünden. »Vermisst du deinen Jungen gar nicht? Denkst du, er sitzt mit seinem Skikurs in der Hütte und wärmt sich seine Finger bei einer heißen Schokolade und wartet, bis der Sturm vorüberzieht? Dieser Sturm zieht nicht vorüber, verstehst du. Der Schneesturm mag sich beruhigen und den Schwanz einziehen. Aber ich beruhige mich nicht, ich werde hart. Willst du, dass ich dir eine Tasse heiße Schokolade mit der Post schicke, mein Freund, mit aufgeschäumter Milch? Du weißt, was zu tun ist und was nicht zu tun ist, wenn du nicht anzurufen hast. Ein falscher Anruf, und du verlierst mehr als deinen Ruf. Wir sind alle nur einen fingerbreit davon entfernt, glücklich zu sein. Du musst nur dein Ja geben. Du bist doch verheiratet, du weißt, was ein Ja bedeutet. Mehr nicht. Und du wirst göttlich belohnt werden. Der Vater und der Sohn. Der Wind und der lästige Schnee in den Augen, im Mund. Dieser wilde, ungezähmte Lärm des Sturms. Macht dir das keine Angst? Mir kam es so vor, als könnte ich den Verstand verlieren an diesem einzigartigen Tag. Es war mir vorhin gerade so, als sei ich ein anderer Mensch, als wäre derjenige, der ich bis heute war, mir schon fremd geworden. War ich nicht immer ein sanfter Mensch? Wollte ich nicht immer unser aller Glück? Weißt du, was Varja zu Mischa sagt: »Mischa, fliehen Sie nicht vor Ihrem Glück. Ergreifen Sie es, solange es sich selbst in Ihre Hand begibt; später werden Sie ihm nachlaufen, aber dann wird es zu spät sein, und Sie holen es nicht mehr ein.« Mein Freund, das Leben bestraft dich noch nicht, du kommst noch nicht zu spät, wenn du mir ein Fax schickst, sagen wir, in der nächsten Stunde. Sonst könnte ich schon ein anderer sein und mich ganz vergessen haben. Vladimir riss das Handy von seinen erstarrten Fingern und warf es in ein Loch im Eis. »Die Zukunft ist nichts als Lug und Trug«, lachte er, als es sank.

24
    Der Schneesturm war genauso vorübergegangen, wie er gekommen war, ohne jede Warnung hatte er der Nacht und den Sternen den Himmel und seine Kälte überlassen. Es würde eine helle Nacht werden. Der Sturm würde in den Erzählungen noch ein wenig weiterwehen, in den Worten toben, aber dann wäre er vergessen, vergessen zwischen den Flaschenscherben, den verschneiten Häusern und Autos, vergessen im Strahlen des Siegers, zur Seite und in den Dreck geschoben von den Schaufeln des Schneeräumers. Er würde warten auf die Zeitung von morgen und sich nicht wiedererkennen, er wäre bald nur noch eine Katastrophenmeldung und keiner hätte seine Schönheit erkannt, seine Kraft. Nur die Pistenraupen würden ihn noch in ihren Kettengelenken singen hören, würden sein trauriges Lied weiter durch die Nacht singen und seine Verschwendung an Schnee, als könnte er vergessen machen, was geschehen war, als wäre sein Schnee ein unbeschriebenes Blatt, das der Frühling in seine Hände nehmen würde. Es würde eine Nacht werden, die träumte, sie wäre mit dem Leben davongekommen.

III
SCHUSS

1
    Ödön glitt durch das Dunkel, glitt durch den Pulverschnee,

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