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Seine Zeit zu sterben (German Edition)

Seine Zeit zu sterben (German Edition)

Titel: Seine Zeit zu sterben (German Edition)
Autoren: Albert Ostermaier
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nach einem Schlangenbiss. Wem sollte er es denn erzählen auf dem Internat. Sie haben ihn gemobbt, gequält, er hat sich in keine Dusche mehr getraut, konnte keine Nacht mehr schlafen. Wie will man ohne Schlaf Rennen gewinnen? Deshalb geht er beichten, er will sich lossprechen lassen von der Schuld, in der Kirche knien, Ave-Marias beten, Vaterunser, Rosenkränze, aber wieder schlafen können und dieses Jahr überstehen.
    Und dann? Dann verraten Sie, was er Ihnen gebeichtet hat. Sein Geheimnis, du verrätst sein Geheimnis, das war sein Todesurteil, Sie haben meinen Sohn getötet, Herr Pater, Sie haben ihn zum Tode verurteilt. Er war ein Junge, ein Kind noch, es war kein Spaß, es war kein Spaß für ihn, Sie haben sich totgelacht, Sie haben ihn totgelacht. Ihn umgebracht. Deshalb sitze ich hier. Mein ist die Rache, sprach der Herr, nicht? Auge um Auge, Zahn um Zahn, Kind um Kind. Die Toten werden auferstehen. Sie bleiben liegen, Herr Pater, das Spiel ist aus. Aber ich bin die Nachspielzeit. Sprechen Sie mich von meinen Sünden frei, los, ich will, dass Sie mir vergeben, vergeben Sie mir. In alle Ewigkeit. Vergebung. Sprechen Sie es aus! Sagen Sie es. Der Herr hat. Der Herr wird dir deine Sünden vergeben. Gehe hin in Frieden. Ich werde unseren Frieden machen. Und dann werde ich es aussprechen. Hier steht es ja, was ich dann aussprechen muss: Ich danke auch für die Versöhnung mit der Kirche, der ich mit meiner Schuld Schaden zugefügt habe. Ich.«
    Ödön lachte auf. »Ich.«

20
    Sie hatte ihn allein gelassen. Er sollte seinen Sohn allein finden. Ihn allein zurückbringen, zu seiner Mutter bringen. Der Vater, der Sohn, der Schnee, die tränenüberströmte Mutter, das Kind im Arm, die heilige Familie. Die Familie war ihm immer heilig gewesen, das Heiligste, er hatte sie angebetet, Yvonne angebetet, er betete sie noch immer an, auch wenn sie eher eine Hure als eine Heilige war. Was er nicht wusste, wollte er nicht wissen, wollte es nicht einmal ahnen, ganz ahnungslos sein, auch wenn sie ihn verlachten, hinter vorgehaltener Hand, auch wenn ihre Freundinnen mit ihm ins Bett wollten, weil sie keine Skrupel mehr kannten oder nie Skrupel gekannt haben. Schläfst du mit meinem Mann, schlaf ich mit deinem. Aber wir reden nicht darüber. Wir reden über Schuhe. Über Cremes. Über Liebhaber ohne Namen.
    Christoph hatte widerstanden, nicht ganz, ein paar Küsse, Knutschen im Lift, mit Babette, obwohl er wusste, dass sein verheirateter Bruder Ludwig auf sie scharf war, aber sie hatte ja auch einen Ring am Finger und den eifersüchtigsten Ehemann, den man sich vorstellen konnte, ein Choleriker vor dem Herrn und seiner Frau, die nichts anbrennen ließ, immer mit dem Feuer spielte und dann panisch wurde, die Panik brauchte, weil sie sonst ihr Mann zu Tode langweilte. Sie brauchte die Gefahr, dass er sie totschlug, sonst entlockte er ihr nur ein Gähnen. Christoph vermutete, sie trifft sich mit Ludwig in dessen Haus in Aschau, das immer Tabu war. Sie durften dort nie übernachten, wenn er nicht da war, durften sie nur besuchen, wenn er mit der Familie dort war, mit Ingrid und Gustav. Christoph hatte gesehen, wie Ludwig und Babette bei allen Treffen sich mit Blicken aus- und anzogen. Aber eigentlich wollte sie ihn, dachte er sich. Sie war nach dem Knutschen immer noch wild auf ihn, unfinished, das ging gar nicht für sie, doch es erregte sie vielleicht gerade deshalb, wenn es sie nicht noch mehr wütend machte. Aber ja, es reizte ihn, sie reizte Christoph, schon allein wegen Ludwig, aber er war nie weiter mit Yvonnes Freundinnen gegangen als Zungenküsse, hatte sich, wenn auch manchmal schweren Herzens, dem Spiel verweigert und sie hatten ihn dafür gehasst, dass er nicht verführbar war, dieser Idiot mit seiner Moral, die nicht einmal eine Moral war, sondern Dummheit oder Feigheit, Angst, er hatte Angst. Sie konnten es nicht auf sich sitzen lassen, sie mussten durchblicken lassen, dass sie mit ihm geschlafen hätten, eine Affäre, nein, nicht direkt Yvonne gegenüber, aber über Bande, über die gemeinsamen Freundinnen, oder ganz direkt durch die Art, wie sie ihn vor ihr anblickten, wie sie ihn anfassten, wie vertraut sie taten. Und jede Abwehr von ihm schürte den Verdacht weiter, erhärtete ihn.
    Christoph war gefangen, und er war befangen. Aber er wollte raus aus den Teufelskreisläufen, dieses Wochenende hatte er alles überwinden wollen und mit Yvonne, mit Igor, ein neues Kapitel beginnen.
    Er hatte den beiden verheimlicht,

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