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Seine Zeit zu sterben (German Edition)

Seine Zeit zu sterben (German Edition)

Titel: Seine Zeit zu sterben (German Edition)
Autoren: Albert Ostermaier
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denen man schon den zukünftigen Medaillengewinner ansehen sollte, mit aerodynamischen Stecken, sonderangefertigten Skiern und Schuhen. Und natürlich noch die Ausnahmetalente neben den Pisten, mit Einzellehrer und Rucksack auf dem Rücken, Pulverschneepanther. Ich beobachtete sie alle. Am liebsten saß ich neben den Jungs, die sich davon gestohlen hatten, die alleine fahren wollten, die sich mit ihren Eltern gestritten hatten, die zu schnell waren, für die kein Platz mehr in der vorigen Gondel war, dem vorherigen Lift, die heulend am Rand standen, ich nehm dich mit. Ich werde dir ein Vater sein, lag mir immer auf der Zunge, sag Papa zu mir, bitte. Mein Sohn geht aufs Skiinternat, willst du auch aufs Skiinternat? Willst du auf dem Stockerl stehen? Alle wollen sie es, deshalb wollten sie auch alle zu Huller. Kennen Sie Huller, Herr Pater?
    Herr Pater, Panik im Paradies. Kennen Sie Kitzbühel von früher? Dieser Ort hat sich verändert.
    Ich weiß, es ist auffällig, als Mann Jungs anzusprechen, alle schauen einen an, ziehen ihre Kinder weg mit einem entschuldigenden Lächeln, das nur so tut als wäre es ein entschuldigendes Lächeln, aber es ist die Angst, es ist die Wut, sich machtlos zu fühlen, denn es kann überall passieren, die Piste ist wie das Leben, überfüllt, plötzlich erfasst dich einer, rauscht dir von hinten rein, bricht dir das Genick, jede Sekunde Fastunfälle. Herr Pater, schauen Sie sich einmal eine Stunde einen Hang an, nicht einen Hang, nein, stellen Sie sich an den Rand und beobachten einen Streifen im Hang. Wie oft zucken Sie zusammen, weil es um ein Haar gekracht hätte. Wie viele Totenmessen hätten Sie um ein Haar lesen müssen? Wie viele kleine Särge weihen? Wie haben denn die ganzen Schutzengel Platz auf dieser überfüllten Piste? Könnte man sie sehen, fände man keinen Meter, wo man noch allein fahren kann. Ich glaube, Gott ist alt geworden, oder warum höre ich immer mehr Helikopter. Jetzt würden sie auch gerne Helikopter schicken, alles absuchen, die Suchscheinwerfer über die Baumspitzen gleiten lassen, in die Schluchten hinabdrehen, Schnee aufwirbeln, alles hell erleuchten, was im Dunkeln liegt, die Augen der Tiere, die Schneehasen, das Atmen eines Kindes. Wo ist der Junge, Herr Pater? Sind Sie Jäger, Herr Pater? Wie lange halten Sie im Hochsitz in der Kälte aus? Wie lange liegen Sie auf der Lauer, bevor Sie Ihr Rohr abfeuern? Was war das? Haben Sie das gehört? Die Sirene? War das eine Sirene? Die Pistenraupen kommen. Sind Sie wahnsinnig? Die schweren Pistenraupen und der kleine Junge? Wissen Sie, was passiert, wenn ein Kind in die Ketten der Pistenraupen kommt? Drunten im Ort werden sie von alldem nichts mitbekommen. Sie werden saufen, was das Zeug hält, die Flaschen werden auf dem Boden zerbrechen, sie werden über Scherben steigen, aber der Schnee fällt, sie werden kotzen, an die Hauswände wie die Hunde pissen, aber der Schnee fällt, der Schnee will diese Proleten nicht sehen, die wie die Hunnen einfallen, schlimmer als die Russen mit ihrem Geld, hässlicher als die Holländer, sie sind das Volk, von allen Himmelsrichtungen sind sie gekommen, um die Todesfahrer zu sehen und starren auf die Streif, als wäre es der Felsen von Acapulco. Sind Sie die Streif, die echte Streif, einmal gefahren, Herr Pater? Oder fahren Sie nur die Familienabfahrt?«
    »Herr Pater«, fragte Ödön besorgt, »sind Sie eingeschlafen? Sie hören mir mit einer solchen Engelsgeduld zu. Ich verstehe, Sie wissen was geschieht, wenn ich diesen Beichtstuhl verlasse. Sie hoffen auf Hilfe. Warum haben Sie vorhin nicht geschrien, als der Rettungstrupp hier war? Wir werden eingeschneit. Wäre das nicht die Ironie der Geschichte? Und für jeden kam jede Hilfe zu spät. Wissen Sie, warum ich hier bin? Du sollst nicht töten. So heißt das Gebot doch, du sollst deinen Nächsten töten wie dich selbst. Ich bin tot. Mein Sohn ist tot. Er ist tot, da kommt kein Jesus und erweckt ihn von den Toten. Auch wenn Sie Ihre Lippen auf die seinen pressen, wird er nicht mehr lebendig. Warum musste er sterben? Sie müssen das Beichtgeheimnis einhalten, es ist eine Todsünde, das Beichtgeheimnis zu verletzen. Eine Kardinalssünde, oder haben Kardinäle nur Tugenden und die Kinder Todsünden? Er hat es ihnen gebeichtet. Er war ein Kind, ein pubertierendes Kind. Er hat mir immer alles erzählt. Aber das hat er mir nicht erzählt. Aber es musste raus, das verstehen Sie, es musste raus, wie ein Gift, das du ausspucken musst,

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