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Seine Zeit zu sterben (German Edition)

Seine Zeit zu sterben (German Edition)

Titel: Seine Zeit zu sterben (German Edition)
Autoren: Albert Ostermaier
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zusammen die Streif fahren«, es klang fast zärtlich, wie ein Liebesschwur.
    »Du hättest mich wohl gern in der Mausefalle, oder?«, aber ihre Antwort klang schon nicht mehr so hart. »Gut, wir holen Igor zusammen ab, ich schreib Petra.« Christoph strich, um ihr zu zeigen, wie ihn das freute, mit der Hand über ihre weiße Skihose. »Blut, du blutest ja, meine Skihose, du versaust mir meine Hose!«, schrie sie und Christoph bremste vor Schreck.
    »Mir ist schlecht, Mami«, winselte Igor von hinten, »ich muss brechen.«
    »Wirklich?«, fragte Christoph nach.
    »Schnell, halt an, halt an, fahr rechts ran!« Yvonne hielt Igor sofort Christophs Kaschmirmütze hin, in die der Kleine sich übergab, als der Wagen zum Stehen kam. Yvonne sprang heraus und riss sofort die Hintertür auf, befreite Igor aus dem Gurt und hob ihn aus dem Wagen, woraufhin er den Rest des Frühstücks in den Schnee spuckte.
    »Ich mag nicht in die Skischule«, flehte er, als Yvonne ihm mit einem Taschentuch den Mund abwischte.
    »Meine Mütze, warum hast du ihm nicht das Taschentuch …«, Christoph beobachtete wie unter Schockstarre das vertraute Szenario.
    »Das hast du dir selbst zuzuschreiben, wenn du abrupt bremst. Geht’s wieder, Igor, mein kleiner Schatz?«
    »Wenn er nicht in die Skischule will, dann fahr ich mit ihm, ich kann ihm doch auch etwas beibringen«, versuchte Christoph die Situation zu retten.
    »Das nennst du also Erziehung, oder?« Sie zog Igor den Reißverschluss hoch. »Du gehst in die Skischule, keine Widerrede. Aber heute Nachmittag gibt es einen Skipreis.«
    »Was für einen Preis? Und darf ich zu Onkel Ludwig und Gustav gehen?«, beruhigte sich der Kleine.
    »Ludwig, Ingrid und Gustav sind dieses Wochenende nicht da.« Ihr Blick streifte kurz Christoph, bevor sie sich erneut zu Igor drehte. »Das hat dir Papa doch schon hundertmal erklärt, dass sie nicht kommen. Aber du darfst dir eine Playmobilfigur aussuchen!«
    »Oh ja, mit Pistolen. Einen Räuber!«
    Sie stiegen wieder ein. Eine eigentümliche Stille herrschte plötzlich zwischen ihnen. Yvonne strich mit ihrem Handrücken über Christophs Wange. »Wir bekommen Neuschnee«, hauchte sie, als wäre es ein Versprechen auf Küsse in der Nacht. Christoph drehte die Musik lauter, er liebte dieses Lied, ›Killing for Love‹, alles würde gut werden, er spürte es, ganz fest, tief in seinem Herzen, bis der Song von einem Warnton unterbrochen wurde:
    »Wir unterbrechen die Sendung für eine dringende Meldung. Der mutmaßliche Sexualstraftäter …«
    Christoph würgte die Stimme ab, scrollte den Lautstärkeregler nach links bis zum Anschlag, bis es still war. Als könnte er den Augenblick retten, ihn lebendig aus der Lawine bergen, die ihn überrollt hatte.

2
    Das Phantom lag mit gebrochenem Hals neben dem Couchtisch. Der schneeweiße Teppich hatte das Rot geschluckt und streckte Bonnie seine Fransen wie Hunderte von Zungen entgegen. Schneite es? Sie konnte ihren Blick nicht vom Boden lösen. In den über den Boden verstreuten Scherben vor ihr klebten die Flocken fest. Bonnie fror. Bei jedem Schritt war ihr, als fiele sie. Als könne sie nicht mehr aufhören zu fallen. Sie war barfuß, sie stand im Blut.
    Zuerst hatte sie gedacht, der Nagellack, der rote Nagellack. Wo war nur der Nagellackentferner? Sie musste zurück ins Bad. Nein, nicht ins Bad, da hatte alles begonnen letzte Nacht. Du wirst in einem Scherbenhaufen erwachen, hatte er ihr prophezeit. Und da lag er, das Phantom, in Scherben, und ihr standen ein Haufen Probleme ins Haus. Der Teppich ist hinüber, sagte sie sich. Vielleicht, wenn ich Champagner darübergieße? Sollte ich nicht eine Flasche Champagner köpfen?
    Wenn sie sich jetzt im Spiegel sehen würde, würde sie sich selbst eine knallen. Ihre beste Freundin hatte ihr gesagt, jeder Rotweinfleck ginge weg, wenn man ihn mit Weißwein überschüttet, ausreibt. War ihr Herz nicht rot? »Dein Herz muss leuchtend rot sein«, hatte er ihr gesagt. »Wie dein Hundeband im Dunkeln«, hatte sie ihm antworten wollen, aber da hatte er sich schon in ihre Lippen verbissen und sie gegen die Scheibe gedrückt, als bräuchte er Sex mit Aussicht. In einem ersten Reflex wollte sie ihm das Knie in die Eier knallen, aber das hier war ja Liebe, überzeugte sie sich im Bruchteil einer Sekunde, um dem Alkohol und seinen Händen den Rest zu überlassen. Während sie gestöhnt hatte wie eine Slalomläuferin, die Stangen zur Seite schiebt, hatte sie gleichzeitig die Lichter auf

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