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Seidenfessel - Maeda, K: Seidenfessel

Seidenfessel - Maeda, K: Seidenfessel

Titel: Seidenfessel - Maeda, K: Seidenfessel
Autoren: Kira Maeda
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P ROLOG
    Er ließ sich auf seinem Sessel nieder. Das Büro, das ihm als neues Oberhaupt des Clans zugewiesen worden war, nahm fast ein Viertel des Stockwerks ein. Er konnte von hier aus über ganz Shinjuku-ku sehen. Zwischen den Hochhäusern, flackernden Bildschirmen und Reklametafeln befand sich seine zukünftige Welt. Die Welt der Yakuza, der japanischen Mafia. Nichts, was ehrbare Bürger der Megacity Tokio offen aussprechen würden; aber er fühlte sich auf seltsame Weise wohl hier. Und das, obwohl er kaum Zeit gehabt hatte, sich daran zu gewöhnen. Es war noch nicht lange her, dass Masaburo, sein Vorgänger, ihn unter seine Fittiche genommen hatte. Er hatte ihn in den Yamanote-Clan eingeführt, ihn den richtigen Leuten vorgestellt und ihm die Grundzüge der japanischen Mafia erklärt. Alles mit dem Ziel, ihn zu seinem Nachfolger zu machen. Der Tag seines Antritts war früher gekommen, als er oder Masaburo gedacht hatten. Der alte Mann war einem Herzinfarkt erlegen und hatte ihm vor seinem Tod die Leitung des Clans übertragen.
    Es klopfte, und er wurde aus seinen Gedanken gerissen. Toshinaka Isami trat ein. Der hochgewachsene Yakuza war eine respekteinflößende Gestalt. Er besaß die besondere Fähigkeit, Menschen mit nur einem Blick kontrollieren zu können. Für den zukünftigen Anführer der Familie Yamanote war allerdings viel wichtiger, dass Toshinaka für seine Loyalität bekannt war. Er wusste das zu schätzen, und Toshinaka gehörte zu den wenigen Yakuza, denen er vertrauen konnte.
    Der ältere Mann verneigte sich. „Konban wa, Oyabun“, grüßte er.
    Das Oberhaupt des Clans erwiderte seinen Abendgruß.
    „Konban wa, Isami-san“, sagte er. „Was gibt es?“
    Der Yakuza lächelte schmal. Eine sehr seltene Geste bei ihm. „Sie ist angekommen.“
    „So früh schon?“
    „Sie wollte wohl keine Zeit verlieren.“ Toshinaka schien der Gedanke zu amüsieren.
    Sein Chef erwiderte das Lächeln ein wenig schief. „Dann fängt es jetzt also an?“
    Toshinaka nickte. „Es beginnt, Oyabun.“

K APITEL 1
    Die Hitze war erdrückend. Isabelle Lérand spürte sie nur zu deutlich, als sie aus dem Hotelfoyer trat. Obwohl es bereits nach zwanzig Uhr war, hatten die sommerliche Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit Tokio noch fest in ihrem Griff. Selbst die Luft schien an Isabelles Körper zu kleben.
    Sie war froh, ihr langes, rotes Haar zu einem einfachen Zopf hochgebunden zu haben. Die Strähnen hätten sonst an ihrem schweißnassen Hals geklebt. Ihr Blick folgte den Japanerinnen, die in Grüppchen oder alleine an ihr vorbei über die Straße gingen. Sie sahen aus, als würde ihnen die Hitze nicht das Geringste ausmachen, und Isabelle beneidete sie darum. Sie sehnte sich bereits jetzt nach der Klimaanlage ihres Hotelzimmers zurück. Aber es half nichts – sie war verabredet und wollte auf keinen Fall zu spät kommen. Isabelle kannte sich kaum in Tokio aus – und immerhin ging es hier nicht um einen einfachen Urlaub. Sie war aus einem bestimmten Grund nach Japan gekommen.
    Seit zwei Stunden befand sie sich jetzt in diesem fremden Land und fühlte sich zum einen fasziniert, zum anderen ausgeschlossen. Mit ihrer auffälligen Haarfarbe und der hohen, schlanken Gestalt fiel sie inmitten der kleineren Tokioterinnen sofort auf. Isabelle war es gewohnt, dass ihr in Deutschland ab und an ein Mann und zuweilen auch eine Frau nachsahen, aber hier hatte sie das Gefühl, permanent angestarrt zu werden, auch wenn sie niemals direkten Blickkontakt mit einer anderen Person hatte.
    Kaum im Hotel angekommen, hatte sie die verschwitzte Reisekleidung gegen ein leichteres Leinenkleid mit Knopfleiste getauscht. Es war leicht, bequem, und Isabelle wusste, dass ihr größter Vorzug – ihre langen, gebräunten Beine – durch den hellen Stoff am besten zur Geltung kamen. Unter der Dusche hatte sie zuvor den zwölfstündigen Flug von ihrem Körper gespült. Diese verdammte Hitze machte ihr das Nachdenken schwer, aber sie brauchte jetzt einen kühlen Kopf.
    Isabelle zog aus ihrer Handtasche einen zusammengefalteten Zettel. Darauf fand sie die Wegbeschreibung zu einer Adresse, die etwas außerhalb lag. Shins alte Adresse.
    Sie atmete tief durch und steckte den Zettel wieder ein. Shin, dieser Kindskopf. Seinetwegen hatte sie sich auf den Weg nach Tokio gemacht. Er war ihr Halbbruder aus der ersten Ehe ihrer Mutter. Im Gegensatz zu Isabelle hatte er einen japanischen Vater, mit dem er dann vor einigen Jahren in dessen Heimat zurückgekehrt

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