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Sehnsucht nach Owitambe

Sehnsucht nach Owitambe

Titel: Sehnsucht nach Owitambe
Autoren: P Mennen
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Prolog
    Die Erde vibrierte unter gewaltigem Stampfen. Aus den Steilwänden der berghohen Düne lösten sich feine Sandbäche, die als sanfte Lawinen ins Dünental glitten. Langsam, aber stetig rieselte der rote Sand über den schlafenden Mann am Boden der Senke und begrub ihn, ohne dass er es merkte. Erst als das Geriesel seinen Mund erreicht hatte und dann über die Nase in seine Atemwege drang, erwachte er und rang jäh nach Luft. Mit einem Satz befreite er sich aus seiner misslichen Lage und sprang auf. Vom Schlaf noch verwirrt, wischte er sich den Sand aus seinem gesunden Auge. Seine scharfen Ohren nahmen gleichmäßige Erschütterungen und Schnauben wahr. Sehen konnte er nichts. Um ihn herum herrschte das neblige Grau der ersten Morgendämmerung. Irgendwo über ihm kämpfte die Sonne ihren morgendlichen Kampf gegen die dichte Nebelwand. Nur zögerlich verwandelte ihr erstes Licht die nachtfeuchte Luft in ein sanftes, wärmendes Orange. Der junge Buschmann versuchte die Richtung auszumachen, aus der das Stampfen kam. Eilig fasste er nach seinem Lederumhang, in dem er die Nacht verbracht hatte. Seine Glieder waren noch steif von der eisigen Wüstennacht. Um sich zu wärmen, sprang der Buschmann einige Male mit den Armen um sich schlagend auf und ab. Dann lauschte er nochmals. Argwöhnisch blickte er auf den Kamm der Düne hoch über sich. Seine Hände griffen nach dem Speer, dem Beutel und dem kleinen Bogen mit den Giftpfeilen.
    Von welcher Seite würden sie kommen?

    Der Nebel, der von der Atlantikküste weit in die Namib waberte, bildete nach wie vor einen undurchdringlichen Vorhang. Behände kletterte der kleinwüchsige Mann die Düne hinauf, um einen besseren Überblick zu bekommen. Der weiche, tiefrote Sand erschwerte jede Vorwärtsbewegung, doch er hatte eine Technik entwickelt, auf allen vieren wie ein Käfer voranzukommen. Als er die ersten zwei Drittel der Düne geschafft hatte, warf sich plötzlich ein riesiger, dunkler Schatten über ihn. Daneben tauchten ein zweiter und schließlich ein dritter auf. Ohne eine Sekunde zu zögern, machte der Buschmann kehrt. Mit großen Schritten rannte er den Dünenabhang hinab, ließ sich fallen, überschlug sich und schlidderte bäuchlings mit rudernden Armen weiter, rappelte sich wieder auf, spurtete auf die abflachende Seite der Düne zu und warf sich hinter ihrer Kante flach auf den Boden.
    Keinen Augenblick zu früh.
    Als er schließlich keuchend seinen Kopf hob, bekam er ein gleichermaßen komisches wie beeindruckendes Schauspiel zu sehen. Mit einem lauten Trompetensignal machte sich ein gewaltiger roter Elefant an den Abstieg der Düne. Dort, wo der Buschmann nur wenige Augenblicke vorher gelegen hatte, verwandelte sich der Steilhang der Düne in eine riesige Rutschbahn. Zwölf Elefantenkühe und sieben Jungtiere versuchten sich nacheinander an dem steilen Abstieg. Auf dem Hinterteil sitzend, die Rüssel hoch in die Luft gestreckt, glitten die ersten wie Kinder auf einer Rutsche den Abhang hinab. Während die älteren Tiere den Abstieg routiniert und mit sichtlichem Vergnügen bewältigten, verlief bei den Jungtieren die Rutschpartie nicht immer reibungslos. Manch eines verlor das Gleichgewicht und purzelte kopfüber den Abhang hinab. Ihre roten, staubbedeckten Körper vermischten sich mit dem aufgewirbelten Sand zu einer immensen Staubwolke. Der Buschmann konnte nun gar nichts mehr erkennen. Aber er roch die Elefanten, und er
spürte ihre Unruhe, als sie sich, unten angelangt, wieder zu einer Gruppe versammelten. Während sich der Sandstaub langsam senkte, tauchten die massigen Körper der Wüstenelefanten wie eine geisterhafte Erscheinung vor ihm auf. Noch war alles schemenhaft, doch mit einem Mal gelang es der stärker werdenden Sonne, ein Loch durch den Nebel zu fressen, und innerhalb weniger Augenblicke weitete sich der Himmel zu einem tiefen, klaren Blau. Die sandroten runzligen Leiber der Elefanten waren nun deutlich zu erkennen. Sie waren keinen halben Speerwurf weit von ihm entfernt. Die Leitkuh lief aufgeregt um die anderen herum, als wolle sie nachzählen, ob alle heil angekommen waren. Dann witterte sie den Buschmann. Argwöhnisch spreizte sie ihre großen Segelohren ab und blickte ihn aus kleinen, dicht bewimperten Augen prüfend an. Der Buschmann hielt den Atem an. Er war sich der Gefahr durchaus bewusst. Langsam stand er auf und stellte sich der Situation. Jede falsche Bewegung konnte sein Ende bedeuten. Die Herde hatte Jungtiere und war deshalb

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