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Seehunde in Gefahr

Titel: Seehunde in Gefahr
Autoren: Luisa Hartmann
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    Nordsee statt Ibiza
    »Da vorne ist es!«, rief Viola aufgeregt.
    »Hmm«, antwortete Lukas und beschäftigte sich weiter mit seinem Gameboy.
    »Schau doch mal«, drängte Viola und stupste ihn am Arm.
    Seufzend blickte Lukas hoch und starrte angestrengt durch das dreckige Fenster der Fähre. Außer Wasser und ein paar herumfliegenden
     Möwen konnte er nichts erkennen. Oder – doch, ja, vorne am Horizont war ein schmaler, waagerechter Strich zu sehen, der bald
     breiter wurde.
    Das war also Spiekeroog. Dafür waren Lukas, seine Mutter, ihr Freund Richard und dessen achtjährige Tochter Viola mit dem
     Auto durch halb Deutschland gefahren und dann – ohne Auto – in Neuharlingersiel auf diese Fähre umgestiegen. So hatte Lukas
     sich die Sommerferien nicht vorgestellt. Viel lieber wäre er zu seinem Vater geflogen, der seit der Trennung von Lukas’ Mutter
     auf Ibiza lebte und mit dem meistens jede Menge Spaß vorprogrammiertwar. Aber vor ein paar Tagen hatte er sich den Fuß gebrochen und konnte sich nicht um Lukas kümmern. So was Blödes! Dabei
     war man mit zehn Jahren durchaus in der Lage, auf sich selbst aufzupassen, fand Lukas.
    Er schüttelte den Kopf, denn er wollte jetzt nicht daran denken.
    Viola zappelte aufgeregt neben ihm auf der Bank herum.
    »Am allermeisten freue ich mich auf die Seehunde!«, sagte sie, während sie ihre Nase an der Scheibe platt drückte. »Und du?«
    »Auf die Rückfahrt«, entgegnete Lukas.
    »Du bist blöd!«, rief Viola und funkelte ihn böse an.
    Lukas verdrehte die Augen. Viola war manchmal eine richtige Nervensäge. Wie würde das erst werden, wenn sie zusammenwohnten?
    Dieser gemeinsame Urlaub sollte ein Test sein, um zu sehen, wie sie sich alle verstanden. Aber gleich zwei Wochen Spiekeroog
     mit dem zukünftigen Stiefvater und der zukünftigen Stiefschwester fand Lukas etwas übertrieben.
    Er schaute zu seiner Mutter, die Arm in Arm mit Richard neben ihnen stand. Sie flüsterte ihm gerade etwas ins Ohr und lachte
     dann laut. Richard musstesich zu ihr hinunterbeugen, denn er war ein ganzes Stück größer als sie.
    Wie peinlich! Lukas wandte sich ab und starrte nach vorne auf die Insel, die man jetzt bereits deutlich sehen konnte. Es waren
     einzelne Häuser zu erkennen und ein paar Fahnen, die hektisch im Wind flatterten.
    Auf der Fahrt hierher hatte Richard ihnen von dem wunderbaren Strand erzählt, von dem feinen Sand, so pulvrig wie Mehl. Von
     den Wellen, den endlosen Spaziergängen, den vielen Vogelarten. Von der einzigartigen Welt des Wattenmeers.
    Während Viola ihrem Vater an den Lippen hing, hatte Lukas immer nur darauf gewartet, dass Richard etwas erwähnen würde, was
     nach Spaß klang. Surfen zum Beispiel.
    Das konnte man auf Ibiza ganz wunderbar. Und da gab’s auch Sonne. Hier hingegen hingen fette, graue Wolken tief über dem Wasser
     und drohten zu zerplatzen. Doch noch regnete es nicht und Lukas hoffte, das würde zumindest so lange so bleiben, bis sie in
     der Ferienwohnung waren.
    »Ich seh den Hafen«, rief Viola plötzlich. Richard und Lukas’ Mutter setzten sich auf die Bank gegenüber.

    »Hey Lukas, jetzt mach doch nicht so ein Gesicht«, sagte Richard. »Du wirst sehen, wie viel Spaß man auf der Insel haben kann!«
    »Guck mal, Schafe!« Viola deutete nach vorne.
    »Toll«, sagte Lukas genervt. Konnten die anderen ihn nicht einfach in Ruhe lassen?
    Seine Mutter beugte sich zu ihm vor und sagte leise: »Du weißt, was wir besprochen haben. Mir ist klar, dass du lieber auf
     Ibiza wärst, aber es geht nun mal nicht. – Wir sind übrigens da«, fügte sie hinzu und deutete nach draußen. Keine Chance für
     Widerworte. Lukas packte seinen Gameboy in den Rucksack und stand auf.
    Dann drängte er zusammen mit den anderen Passagieren Richtung Ausgang und hatte schon bald wieder festen Boden unter den Füßen.
    Es roch nach Meer und Fisch, und das versöhnte Lukas für einen Moment, denn auch auf Ibiza gab es Orte, wo es so roch. Er
     hob den Kopf, sog tief die Luft ein und schloss die Augen. Nur die Sonne fehlte.
    »Kommst du?«, fragte Richard.
    Lukas öffnete die Augen und lief hinter den anderen her. Unzählige Leute standen am Hafen und beobachteten alles. Lukas fragte
     sich, was an der Ankunft eines Schiffes so aufregend war, vor allemweil das Schiff selbst furchtbar langweilig war. Da sahen die Fischkutter, die in Neuharlingersiel gelegen hatten, viel spannender
     aus.
    Mit lautem Getöse hob der Schiffskran die Container mit

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