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Schwarzes Blut: Thriller (German Edition)

Schwarzes Blut: Thriller (German Edition)

Titel: Schwarzes Blut: Thriller (German Edition)
Autoren: Max Wilde , Roger Smith
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1
    In jener Nacht hatte Skye keine Angst vor den vier Männern, die sie vergewaltigen wollten, sondern vor sich selbst. Vor dem dunklen Ding tief in ihrem Inneren. Die Männer in dem großen alten Auto mit dem unregelmäßig grummelnden Motor – die Scheinwerfer stachen wie gelbe Finger durch den Staub – verfolgten sie eine verlassene Straße hinunter, dann hinaus in die Wüste. Sie rannte, schnappte nach Luft und wusste, noch bevor sie stolperte und in den Dreck fiel, dass es hoffnungslos war.
    Die Männer stiegen aus dem Wagen, umzingelten sie und warfen dabei lange Schatten in den Sand. Und da begriff Skye, dass das, was sie den Großteil ihrer siebzehn Jahre zu vermeiden versucht hatte, nun eintreten würde.
    Sie musste sich beruhigen. Es sind nur Männer, sagte sie sich, egal, was sie dir antun. Doch ihr Herz raste wie verrückt, klopfte gegen ihr Brustbein, und sie spürte, wie sich ihre Muskeln und Gliedmaßen mit einer Kraft ausdehnten, an die sie sich nur undeutlich und ungewollt erinnerte. Schließlich regte sich etwas tief in ihren Eingeweiden, zuckte, und ihre Angst verwandelte sich in blankes Entsetzen.
    Das ist nur das sympathetische Nervensystem, redete sie sich ein. Sie sank auf die Knie und musste dabei unwillkürlich an den dicken, pingeligen Mr. Andrews denken, ihren Lehrer in der zehnten Klasse, wie er mit der Kreide über die Tafel quietschte und dabei einen monotonen Vortrag darüber hielt, wie seine angeborenen Stressreaktionen dem Menschen in Gefahrensituationen das Überleben gesichert hatten, während andere Spezies ausgestorben waren. Bestimmte Nervenfasern schütteten im Herzgewebe Noradrenalin aus und beeinflussten die Herzfrequenz, pumpten mehr Sauerstoff und Glukose durch den Körper und setzten dadurch Energie frei (daran konnte sie sich tatsächlich bis ins Detail erinnern, während die Männer sie umkreisten). Mr. Andrews hatte mit seiner Kreide gegen die Tafel getippt wie ein Vogel gegen eine Fensterscheibe und verkündet, dieser Vorgang hätte seinen Ursprung im ältesten Teil unseres Gehirns – dem sogenannten Reptilienhirn, das wir nicht bewusst kontrollieren können.
    Als sie näher kamen, konnte sie den Männergestank riechen. Abgestandener Schweiß, Zigaretten und etwas Scharfes, Chemisches. Der Andere in ihr zuckte und wuchs, ihr Zwilling, der jahrelang geschlafen hatte und nun durch diesen primitiven Selbsterhaltungsreflex wieder zum Leben erwacht war.
    Einer der Männer packte sie an den Haaren. Sie kauerte sich noch enger zusammen und schlang die Arme um ihren Körper. Der Mann lachte. Glaubte er wirklich, dass er es war, der ihr Angst machte? Nein – sie versuchte, das Ding im Zaum zu halten, es nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Die Gefahr, der sie sich gegenübersah, war nur menschlichen Ursprungs, und sie musste sie überstehen, musste es ertragen, ohne den Anderen zu wecken – genau wie in den ganzen letzten fünfzehn Jahren nach jenem schrecklichen Ereignis, in denen sie sich so gut wie unsichtbar gemacht hatte, sich alles versagt und sich von allem abgeschottet hatte, was diese Finsternis in ihr wecken konnte.
    Zu spät.
    Sie spürte einen Ruck, ein Reißen, und plötzlich nahm eine Woge aus purer Energie alle Angst mit sich, spülte die zurückhaltende, schüchterne Skye einfach hinfort, und etwas anderes übernahm die Kontrolle. Ihr rasender Puls verlangsamte sich zu einem regelmäßigen, rhythmischen Trommeln. Sie spürte, wie sich ihr Skelett veränderte, wie sich ihre Knochen verhärteten, wie Muskeln und Sehnen vor neuer Kraft anschwollen und die Nähte ihrer Kleidung kurz vor dem Platzen waren.
    Als ihr der kleine Mann, der mit seinen gegelten und verstrubbelten Haaren wie das Mitglied einer Boygroup aussah, die Brille von der Nase schlug, sah sie nicht verschwommen – sondern besser als je zuvor. Die Nacht wurde heller, sodass sie die Mitesser auf seiner Nase und die tiefen Aknenarben unter seinen Wangenknochen erkennen konnte. Auch ihre anderen Sinne waren ungewohnt scharf. Sie hörte das Knacken des Plastikgestells und das Knirschen der Gläser und sogar das Flüstern des Sandes, in den die Brille gedrückt wurde – wie aneinander reibende Handflächen.
    Sie hörte die Herzen der Männer, hörte das Blut, das durch ihre Adern in ihrem roten heißen Fleisch rauschte. Sie roch den schweren, metallischen Duft ihres Blutes und blähte die Nasenflügel.
    Die Angst war dem Hunger gewichen. Der Andere erhob sich aus dem Sand, um zu fressen.

2
    Chief

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