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Schwarzer Regen

Schwarzer Regen

Titel: Schwarzer Regen
Autoren: Karl Olsberg
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    |11| Prolog
    In der Mitte des leeren Hangars stand ein einzelner Tisch wie eine Insel des Lichts in einem Meer von Dunkelheit. Trotz der runden Brille und des pausbäckigen Gesichts wirkten die Züge des Mannes, der daran saß, im Licht der Stehlampe hart, beinahe dämonisch. »Oberst Markov, setzen Sie sich bitte!«
    Markov warf einen misstrauischen Blick auf das mit einem schwarzen Tuch verhüllte, rollbare Metallgestell, das neben dem Schreibtisch stand. Sein Gegenüber liebte offenbar melodramatische Auftritte.
    Er löste sich von den beiden Militärpolizisten, die ihn hierher eskortiert hatten, als sei er ein Spion, und machte zwei Schritte vor. »Was soll das?«, schnauzte er. »Was fällt Ihnen ein, mich so zu behandeln? Immerhin bin ich immer noch der Kommandant dieses Stützpunkts! Diese Respektlosigkeit wird Sie teuer zu stehen kommen!« Dass er eigentlich seit gestern im Urlaub sein wollte und seinem Enkelsohn Maxim für heute versprochen hatte, mit ihm angeln zu gehen, erwähnte er nicht.
    Ein dünnes Lächeln umspielte die schmalen Lippen des Mannes. Er konnte kaum halb so alt sein wie Markov, aber er schien nicht im mindesten beeindruckt. »Setzen Sie sich!«, wiederholte er ruhig.
    Markov war nervös, obwohl er keinen Grund dazu hatte. Die Föderale Agentur für Atomenergie Russlands, genannt Rosatom, überprüfte seinen Standort regelmäßig, und es hatte nie Beanstandungen gegeben. Er hatte seinen Laden im Griff. Es hatte im letzten Jahr nicht mal eine ernste Schlägerei gegeben, geschweige denn grobe Verstöße |12| gegen die Vorschriften. Was also sollte dieses Schmierentheater?
    Wahrscheinlich war der Grünschnabel da vor ihm neu in der Behörde und spielte sich bloß auf, um sich Respekt zu verschaffen. Vielleicht wollte er Markov auch erpressen. Selbst wenn alles in Ordnung war, konnte die Behörde eine Menge Scherereien machen. Möglicherweise hoffte er auf ein Schweigegeld. Aber da war er bei Markov, der Bestechlichkeit aus tiefster Seele verabscheute, an den Falschen geraten. Sollte die Rosatom ruhig die ganze Einheit auf den Kopf stellen – die Erbsenzähler aus Moskau würden nicht mal eine leere Wodkaflasche finden.
    Er überlegte kurz, ob er die Anweisung ignorieren und stehen bleiben sollte, aber das hätte nur wie eine alberne Trotzreaktion gewirkt. Also setzte er sich auf den einfachen, unbequemen Holzstuhl. Er bemühte sich, entspannt zu lächeln. »Also, was wollen Sie von mir?«
    »Über wie viele nukleare Gefechtsköpfe verfügt Ihre Einheit?«, fragte der Mann von der Rosatom. Er hatte es bisher nicht für nötig befunden, seinen Namen mitzuteilen. Aber das machte nichts – Markov würde auch so herausbekommen, wie der Typ hieß, und ihm die Hölle heiß machen. Er hatte sehr gute Kontakte ins Ministerium.
    »Neunzehn«, antwortete er ohne zu zögern und sparte sich den Hinweis, dass selbst die CIA und die Internationale Atomenergiebehörde IAEO diese Information besaßen.
    Der Mann von der Rosatom sah auf einen Zettel, als müsse er die Zahl überprüfen. Er nickte langsam. »Und in welchem Zustand sind diese Waffen?«
    Markov erlaubte sich ein Lächeln. »In einem einwandfreien Zustand. Er wird regelmäßig überprüft.«
    »Wann ist der einwandfreie Zustand der Waffen zuletzt überprüft worden?«
    |13| »Heute Morgen 6:30 Uhr. Die Sicherheitskontrollen finden zweimal täglich statt.«
    Der Mann nickte wieder. »Was genau wird bei diesen Sicherheitskontrollen überprüft?«
    »Einsatzbereitschaft und Schutz vor unberechtigtem Zugriff«, sagte Markov wie aus der Pistole geschossen. Das war das Mantra, das er seinen Leuten permanent einbläute. Immerhin hatten sie es hier mit den gefährlichsten Waffen zu tun, die es gab. Seine Einheit verfügte über 19 Langstreckenraketen des Typs Topol-M, von denen jede eine Reichweite von mehr als 10 000 Kilometern hatte und mit einem nuklearen Gefechtskopf ausgestattet war. Ihre Aufgabe war es, im Fall eines Nuklearangriffs eine schnelle und effektive Antwort zu garantieren und so einen Aggressor abzuschrecken – so unwahrscheinlich dieser Fall seit dem Ende des Kalten Krieges auch geworden sein mochte.
    »Wie wird die Einsatzbereitschaft überprüft?«
    Erleichterung machte sich in Markov breit. Er fühlte sich ein wenig wie in einer Prüfung auf der Militärakademie. Offenbar wollte die Rosatom nur wissen, ob er es mit den Sicherheitskontrollen auch wirklich genau nahm. Sie befragten ihn und sein Personal unabhängig

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