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Schwarze Stunde

Schwarze Stunde

Titel: Schwarze Stunde
Autoren: Christine Feher
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für die Ferien einen Job in einem kleinen Café gesucht und kam abends oft todmüde nach Hause. Wenn ich dann auch noch vor der Aufgabe stand, Manuel loswerden und zugleich meine Eltern beschwichtigen zu müssen, hatte ich das Gefühl, verrückt zu werden.
    Von meiner Freundin Alena erfuhr ich dann sogar, dass Manuel mit seinen Kumpels schlecht über mich redete; die verklemmte Valerie, eine Niete im Bett, nicht schade drum, nur um dann doch wieder anzurufen und mich zu beschimpfen, weil ich mit ihm Schluss gemacht habe.
    Leider war mir Alena selbst auch keine echte Hilfe. Sie hat nicht verstanden, dass ich nach der unglücklichen Geschichte mit Manuel erst mal Zeit für mich brauchte, viel allein sein wollte, ich war innerlich wund, fühlte mich in jeder Hinsicht benutzt und ausgelaugt, wollte erst mal zur Ruhe kommen. Aber wenn nicht Manuel mir nachstellte, tat sie es, wollte mich pausenlos zu allen möglichen Aktivitäten mitschleppen, zum Zelten fahren, DVD -Abende veranstalten, tanzen gehen, bei mir übernachten. Jeden Tag rief sie an oder kam vorbei, immer mit einer anderen Idee, bis sie dann schließlich für zehn Tage mit ihrer älteren Schwester nach Kroatien in Urlaub fuhr. Dieses Wochenende kommt sie zurück, aber mir zieht sich der Magen zusammen bei dem Gedanken, gleich wieder so von ihr vereinnahmt zu werden. Dieser Trip nach London war wie eine Befreiung von allen Zwängen für mich. Ich will noch nicht zurück, ich will nicht, dass gleich wieder alle an mir zerren.
    Jemand rempelt mich von hinten an und reißt mich aus meinen Gedanken, mindestens sieben Leute sind noch vor mir in der Schlange, irgendjemand muffelt aufdringlich nach Schweiß, aber ich dufte bestimmt auch nicht gerade nach Rosen in der stickigen Luft hier. Das neue Black Hour -Trägertop, das ich mir beim Konzert am Merchandising-Stand gekauft habe, muss zu Hause gleich in die Wäsche.
    Black Hour. Diese Leidenschaft hat Manuel nie mit mir geteilt. Ihre melancholischen und doch so eindringlichen Songs, oft mit zarten Gitarrenklängen und einer wie von weit her wehenden Stimme beginnend, um dann anzusteigen … Hakon, der Sänger, versteht es wie kein anderer, mich mit seiner kraftvollen, verzweifelt heulenden oder flehend wispernden Stimme mitzureißen, mich wegfliegen zu lassen, bis ich eins bin mit der Musik, den melodischen Bassläufen und Gitarrenriffs. Jedes Mal ist es wie ein Rausch. Manuel hört am liebsten Hip-Hop, wie die meisten aus unserer Schule, die Jungs jedenfalls. Ich nehme es ihnen nicht übel. Black Hour ist keine Band, die die Charts stürmt, sondern eher ein Geheimtipp unter Liebhabern. Spezieller, etwas düsterer Independent Rock, kein Mainstream.
    Meter für Meter schiebe ich meine Reisetasche mit dem Fuß voran; auf die Dauer ist sie doch schwer, auch wenn sie als Handgepäck durch die Kontrolle passt. Irgendwo spielt jemand Gitarre oder hat seinen Gettoblaster aufgedreht, um sich die Wartezeit zu vertreiben. Die Akkordfolge erinnert mich an meinen Lieblingssong von Black Hour, sie kommt doch nicht aus der Dose, jetzt höre ich es genau, muss unwillkürlich lächeln und drehe mich um. Ein paar Meter hinter mir sitzt ein junger Typ mit dunkelblonden Wuschelhaaren und im schwarzen Shirt, verwaschener Jeans und Chucks auf seinem Gepäck und vertreibt sich die Wartezeit mit Gitarrespielen. Gute Idee eigentlich. Er scheint ganz versunken, sein gesamter Körper geht mit dem Beat mit, den sein rechter Fuß als Rhythmus vorgibt, und unwillkürlich fange auch ich an, im Takt mitzuwippen. Jetzt hat er mich bemerkt und grinst mich an, ich kann gar nicht anders als zurückzugrinsen, sein Blick ist so frech, so unbekümmert, aber seine braunen Augen tauchen in meine, so intensiv, dass ich mich abwenden muss. Dennoch lausche ich weiter seinem Gitarrenspiel, jetzt verlässt er den Song von Black Hour , um mit einigen raffinierten Übergangsakkorden zu etwas Anderem, Unbekanntem überzuleiten, einer Eigenkomposition vielleicht, bestimmt schreibt er auch selber Songs. Ich schrecke wieder auf und sehe zu ihm hin, denn jetzt beginnt er zu singen, seine Stimme passt zu ihm, nicht zu tief, aber auch kein Tenor, er singt klar und gefühlvoll, nicht einmal besonders laut, wie für sich selbst und vielleicht für mich, denn er sieht mich immer noch an. Sonst scheint kaum jemand Notiz von ihm zu nehmen. Er singt über eine Liebe, die nicht sein darf und die trotzdem schön ist, unerfüllt, die Sehnsucht noch nährend in ihrer

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