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Schwarze Adler, weiße Adler

Schwarze Adler, weiße Adler

Titel: Schwarze Adler, weiße Adler
Autoren: Thomas Urban
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VORWORT
    Ãœber die Last der Geschichte
    Die Vergabe der Fußball-Europameisterschaft 2012 hat erstmals seit den politischen Umwälzungen vor zwei Jahrzehnten Polen und die Ukraine in das Blickfeld einer breiten europäischen Öffentlichkeit gerückt. Für beide Länder ist sie nicht nur ein Großereignis, das der Wirtschaft, besonders dem Fremdenverkehr, Impulse geben soll, sondern sie hat auch enorme psychologische Bedeutung: Polen möchte sich als Land präsentieren, das einen gewaltigen Modernisierungssprung gemacht hat und somit zu den europäischen Nachbarn aufschließt. Für die Ukraine hat der Fußball sogar eine innenpolitische Dimension: Er ist die vielleicht wichtigste Klammer, die den katholisch geprägten Westen des Landes um die einstige Vielvölkerstadt Lemberg (polnisch: Lwów, ukrainisch: Lwiw), die vor dem Zweiten Weltkrieg zu Polen gehörte, und die russischsprachigen Gebiete im Osten sowie Süden der ehemaligen Sowjetrepublik zusammenhält.
    Auch für die Deutschen hat diese Europameisterschaft ihre besonderen Seiten: Mehrere Nationalspieler wurden als Bürger der Volksrepublik Polen geboren. Sie stammen aus Oberschlesien, der Region, die im 20. Jahrhundert am heftigsten zwischen Deutschen und Polen umkämpft war. Die Fußballer der Industriemetropole Kattowitz, denen das erste Kapitel des vorliegenden Buches gewidmet ist, waren erst deutsche, dann polnische, dann erneut deutsche und schließlich wieder polnische Staatsbürger. Die jeweilige Obrigkeit unterdrückte die Angehörigen der anderen Seite. Dies ging von bürokratischen Schikanen über das Verbot der Sprache der anderen und die erzwungene Änderung von Vornamen bis zu der Ermordung von Angehörigen der polnischen Führungsschicht im Zweiten Weltkrieg und der anschließenden Vertreibung der Deutschen. Allerdings waren die Grenzen zwischen beiden Nationen keineswegs klar gezogen. Denn viele Einwohner Oberschlesiens waren zweisprachig, sie sahen sich beiden Seiten verbunden – und die besten Fußballer wurden auch von beiden Seiten für sich reklamiert.
    Vier der elf Kapitel dieses Buches sind den Fußballern aus dem Kohlebecken am Oberlauf der Oder gewidmet, um sie streiten sich beide Seiten – bis heute. Dabei ist in der Bundesrepublik Schlesien mittlerweile ein Begriff, der in den aktuellen Diskursen keine Rolle mehr spielt, und die deutsche Seite tut sich ganz offensichtlich schwer damit. So lehnte vor einem Jahrzehnt der Berliner Senat den Antrag ab, dem damaligen „Hauptbahnhof“ seinen alten Namen „Schlesischer Bahnhof“ zurückzugeben. Man wolle die Polen nicht mit einem an deutschen Revisionismus erinnernden Namen brüskieren, hieß es, deshalb habe man sich für die neutrale Bezeichnung „Ostbahnhof“ entschieden. Wenig später ging in Berlin ein Brief der Bürgermeister von mehr als einem Dutzend polnischer Städte, die an der alten Bahnstrecke Berlin-Kattowitz liegen, ein. In diesem Brief plädierten all diese Bürgermeister für den Namen „Schlesischer Bahnhof“. Damit würde die historische Verbindung einer alten europäischen Kulturlandschaft zur deutschen Hauptstadt unterstrichen. Doch die von dem Brief völlig überraschten Senatsmitglieder wollten ihre Entscheidung nicht mehr revidieren. In Polen aber ist die Debatte über Schlesien (polnisch:lsk, ausgesprochen: Schlonsk) politische und auch kulturelle Gegenwart; seit einer Verwaltungsreform vor einem Jahrzehnt tragen gleich drei Woiwodschaften (Regierungsbezirke) den Begriff im offiziellen Namen.
    Man könne die – ebenfalls katholischen und polnischsprachigen – Oberschlesier an ihrer Haltung zum Fußball von den Polen aus den anderen Regionen des Landes unterscheiden, heißt es: Wenn die Weißen Adler, wie die polnische Elf wegen des nationalen Wappentiers heißt, gegen ein Drittland spielen, so drücken Polen wie Oberschlesier ihnen gleichermaßen die Daumen. Spielen die Deutschen gegen ein Drittland, so hoffen die Polen auf eine deutsche Niederlage, die Oberschlesier aber auf einen Sieg. Und spielen beide gegeneinander, so zünden die Oberschlesier eine Kerze für die Muttergottes von Tschenstochau an, damit es unentschieden ausgehen möge.
    Für Polen und für Deutschland – für diese Doppelidentität steht heute Lukas Podolski; er gibt somit einer ganzen Generation junger Polen,

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