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Schöne Ruinen

Schöne Ruinen

Titel: Schöne Ruinen
Autoren: Jess Walter
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    Die todkranke Schauspielerin
    April 1962
    Porto Vergogna, Italien
    D ie todkranke Schauspielerin erreichte sein Dorf auf dem einzigen direkten Weg: in einem Motorboot, das in die Bucht steuerte, am Steindamm vorbeischlingerte und gegen das Ende des Piers rumpelte. Nach einem Augenblick des Zögerns streckte sie im Heck des Boots eine schlanke Hand aus, um nach der Mahagonireling zu greifen; mit der anderen hielt sie den breitkrempigen Hut auf ihrem Kopf fest. Überall um sie herum zerbrach das Sonnenlicht in flackernde Scherben.
    Zwanzig Meter entfernt beobachtete Pasquale Tursi die Ankunft der Frau wie in einem Traum. Oder vielmehr, wie er später denken sollte, im Gegenteil eines Traums: einer Entladung von Klarheit nach einem Leben im Schlaf. Pasquale richtete sich auf und unterbrach seine Tätigkeit, die in diesem Frühjahr wie üblich in dem Versuch bestand, unterhalb der Pensione seiner Familie einen Strand anzulegen. Bis auf Brusthöhe im kaltenLigurischen Meer stehend, ließ Pasquale katzengroße Steinbrocken fallen, um den Wellenbrecher zu verstärken, damit das Wasser nicht seinen kleinen Haufen Bausand wegspülte. Pasquales »Strand« war nur so breit wie zwei Fischerboote, und der Grund unter der dünnen Sandschicht bestand aus schartigem Fels. Trotzdem war es die größte Annäherung an ein flaches Stück Küste im gesamten Dorf: diesem Schatten einer Gemeinde, die kurioserweise – oder vielleicht aus naiver Hoffnung – als Porto bezeichnet worden war, obwohl die einzigen regelmäßig ein- und ausfahrenden Boote der Handvoll hier beheimateter Sardinen- und Sardellenfischer gehörten. Der andere Teil des Namens, Vergogna, bedeutete Schande und war ein Relikt aus der Gründungszeit des Dorfs im siebzehnten Jahrhundert, als Seeleute und Fischer hier Frauen mit einer gewissen moralischen und kommerziellen Flexibilität finden konnten.
    An dem Tag, als er die wunderschöne Amerikanerin zum ersten Mal erblickte, steckte Pasquale auch bis auf Brusthöhe in Tagträumen, die das schmuddelige kleine Porto Ver gogna als aufstrebenden Urlaubsort und ihn selbst als elegan ten Geschäftsmann darstellten, einen Mann von unbegrenzten Möglichkeiten zu Beginn einer glorreichen Moderne. Überall sah er Zeichen von il Boom – die Zunahme von Reichtum und Bildung, die Italien verwandelte. Weshalb also nicht auch hier? Erst jüngst war er nach vier Jahren im betriebsamen Florenz in das rückständige Dorf seiner Kindheit zurückgekehrt, beseelt von den bedeutenden Neuerungen aus der Welt dort draußen – eine glitzernde Ära war angebrochen, eine Ära der blitzenden Macchine, der Fernsehgeräte und Telefone, der doppelten Martinis und Frauen in engen Hosen –, einer Welt, die davor nur im Kino zu existieren schien.
    Porto Vergogna war ein Nest aus einem Dutzend alter, weiß getünchter Häuser, einer verlassenen Kapelle und dem einzigen kommerziellen Betrieb des Orts – dem winzigen Hotel mit Café, das Pasquales Familie gehörte –, die sich alle in einen Spalt der Steilhänge drängten wie eine Herde schlafender Ziegen. Hinter dem Dorf türmten sich die Berge zwei hundert Meter hoch zu einer Wand aus schwarzem, fur chigem Fels auf. Darunter ruhte das Meer in einer steinigen, wie eine Garnele gekrümmten Bucht, aus der jeden Tag die Fischer hinausfuhren. Hinten durch die Klippen und vorn durch das Meer abgeschnitten, war das Dorf nie für Wagen oder Karren erreichbar gewesen, und daher gab es nur einige wenige schmale Wege zwischen den Häusern: ziegelgesäumte Straßen, die nicht einmal so breit wie Gehsteige waren, abschüssige Gassen und steile Treppen, sodass man überall im Ort auf beiden Seiten Mauern berühren konnte, wenn man die Arme ausstreckte und dabei nicht gerade auf der Piazza San Pietro, dem kleinen Dorfplatz, stand.
    Alles in allem hatte Porto Vergogna also durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit den bezaubernden Bergdörfern der Cinque Terre im Norden, nur dass es kleiner, abgelegener und nicht so malerisch war. Die Hoteliers und Gastronomen im Norden hatten sogar einen eigenen Spitznamen für das winzige, in die Steilklippen geklemmte Nest: culo di bal dracca – Hurenarsch. Doch trotz der Verachtung vonseiten der Nachbarorte war Pasquale inzwischen ganz wie sein Vater früher davon überzeugt, dass Porto Vergogna eines Tages genauso florieren würde wie die übrige Riviera di Levante, der Küstenstrich südlich von Genua, zu der auch die Cinque Terre zählten, oder die größeren

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