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Schneesturm und Mandelduft

Schneesturm und Mandelduft

Titel: Schneesturm und Mandelduft
Autoren: Camilla Läckberg
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E s roch wieder nach Schnee. Es war sechs Tage vor Weihnachten, und der Dezember hatte bereits kalte Temperaturen und Unmengen an Schnee mit sich gebracht. Eine dicke Eisschicht bedeckte seit Wochen das Meer, aber durch das Tauwetter der vergangenen Tage war sie brüchig und unberechenbar geworden.
    Martin Molin stand am Bug des Bootes, das in der Rinne im Eis vorwärtspflügte, die das Seenot-Rettungsschiff bis Valö aufgebrochen hatte. Er fragte sich, was er hier eigentlich tat und ob er wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Aber Lisette hatte ihn so eindringlich gebeten zu kommen. Sie hatte ihn richtig angefleht, wenn er ganz ehrlich sein sollte. Familientreffen seien nicht ihre Stärke, hatte sie gesagt, und es wäre viel leichter auszuhalten, wenn er mitkäme. Das Problem war nur, dass ein Treffen mit der Verwandtschaft ihrem Verhältnis eine seriöse Note verlieh, und die war zumindest für ihn ziemlich schief.
    Aber versprochen war versprochen. Jetzt stand er hier, unterwegs zu der ehemaligen Ferienkolonie auf Valö, wo er zwei Tage in Gesellschaft ihrer Familie verbringen würde.
    Er drehte sich um. Fjällbacka war zweifellos umwerfend schön, nicht zuletzt um diese Jahreszeit, in der die kleinen roten Holzhäuser in sanftes Weiß gebettet dalagen. Und der graue Berg rund um die Gemeinde verlieh dem Panorama eine einzigartige, ästhetisch ansprechende Dramatik. Vielleicht sollte ich Tanum verlassen und hierherziehen, dachte er kurz, doch dann musste er über diese verrückte Idee lachen. Vorher müsste er erst noch im Lotto gewinnen.
    »Werfen Sie mir die Leine rüber?«, rief ihm ein Mann vom Steg aus zu, und Martin erwachte aus seinen Träumereien. Er beugte sich herunter und packte das Tau, das vor seinen Füßen lag. Er warf es über die Reling, sobald das Boot nah genug am Steg war. Der Mann fing es geschickt auf und vertäute das Boot.
    »Sie sind der Letzte. Die anderen sind bereits da.«
    Martin stieg vorsichtig auf den glatten Holzsteg und schüttelte die Hand, die ihm entgegengestreckt wurde.
    »Ich musste noch ein paar Dinge im Büro erledigen, bevor ich losfahren konnte.«
    »Ja, ich habe schon gehört, dass die Polizei, unser Freund und Helfer, an diesem Wochenende unter uns weilen wird. Fühlt man sich gleich sicherer.«
    Der Mann lachte dröhnend und stellte sich dann als Eigentümer des Hauses vor.
    »Ich heiße Börje. Meine Frau und ich schmeißen den Laden ganz allein. Ich bin also Zimmermann, Koch, Butler und Mädchen für alles. Stets zu Ihren Diensten.« Wieder dröhnendes Lachen.
    Martin nahm sein Gepäck und folgte Börje in Richtung der Lichter, die zwischen den Bäumen hindurchschienen. »Nach allem, was man mir erzählt hat, haben Sie wahre Wunder mit der alten Ferienkolonie vollbracht«, sagte er.
    »Das war eine ganz schöne Schufterei«, antwortete Börje stolz. »Und teuer. Das muss ich zugeben. Aber es hat sich gelohnt. Meine Gattin und ich waren den ganzen Sommer über bis in den Herbst hinein ausgebucht. Und auch unser Weihnachtsangebot kommt unerwartet gut an.«
    »Die Leute wollen sicher dem Weihnachtsstress entfliehen«, sagte Martin und versuchte, nicht zu sehr zu schnaufen, als sie den Hang zum Haus hochgingen. Es war ihm ein wenig peinlich. In seinem Alter und bei seinem Beruf sollte er wirklich besser in Form sein.
    Als Martin kurz den Blick hob, traute er kaum seinen Augen. Sie hatten tatsächlich ein wahres Wunderwerk mit dem alten Haus vollbracht. Wie die meisten, die in der Region aufgewachsen waren, hatte Martin an Schulausflügen und Sommerlagern auf Valö teilgenommen, und er erinnerte sich an ein zwar hübsches, aber doch etwas heruntergekommenes grünes Haus, das auf einer riesigen Rasenfläche lag. Jetzt war das Grün durch Weiß ersetzt, und das Haus glitzerte wie ein Schmuckstück. Es war frisch gestrichen und ausgebaut worden, und aus den Fenstern strömte ein warmes Licht, das die helle Fassade zum Strahlen brachte. Vor der Eingangstreppe flackerten Kerzenlichter, und durch eines der Fenster im Erdgeschoss sah er einen großen Weihnachtsbaum. Die Kulisse war zauberhaft, und er blieb kurz stehen, um den Anblick zu genießen.
    »Schön, was?«, sagte Börje und blieb ebenfalls stehen.
    »Unglaublich«, antwortete Martin, und er meinte, was er sagte.
    Als sie am Haus ankamen, traten sie in die Diele und stampften den Schnee von den Schuhen.
    »Der letzte Mann ist angekommen!« Börjes Stimme schallte durch die Eingangshalle, und Martin hörte,

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