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Schlussakt

Schlussakt

Titel: Schlussakt
Autoren: Marcus Imbsweiler
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Videoclip mit ihm oder eine Fotoserie, alles wahnsinnig authentisch. Und
dann? Lässt man ihn im Wald liegen und hofft, dass er gefunden wird. Dass er
sich selbst befreit. Eine Nacht wird er schon überleben. Vielleicht träumt man
auch von einer grandiosen Inszenierung am nächsten Morgen, wenn der Entführte
entdeckt werden soll, traut sich aber nicht mehr hin. Fünf Jungs, die sich die
Verantwortung gegenseitig zuschieben. Am Ende ist ein Mann erfroren. So banal
läuft es manchmal.«
    Marc lag eine Entgegnung auf der Zunge, doch in diesem Moment
läutete es an der Eingangstür. Genau zur rechten Zeit, fand ich. Ich war als
Erster an der Tür und öffnete. Vor mir stand Kommissar Fischer mit seinen
beiden Wadenbeißern. Die Lampe über dem Eingang warf ihr Licht in drei grimmige
Gesichter.
    »Hereinspaziert!«, sagte ich. »Wir haben uns erlaubt, schon
mal ein bisschen zu plaudern.«
    »Dann mal los«, ächzte Fischer und trat ein. »Wir sind
schließlich hier, um einen Mörder zu verhaften.«
    Covet und Nagel wurden kalkweiß.

Dieses E-Book wurde von der "Verlagsgruppe Weltbild GmbH" generiert. ©2012

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    »Wenn Sie mich da mal nicht falsch verstanden
haben«, sagte ich. »Theorien, wer der Mörder ist, habe ich genug. Nur glauben
will mir heute keiner. Wie geht es Ihnen, Herr Fischer?«
    »Mir schlecht. Meiner Grippe bestens.« Er sah sich in Nagels
Wohnzimmer um. »Nett haben Sie es hier.«
    »Ja, das fand Kollege Sorgwitz auch«, sagte ich. »Vorgestern
wollte er gar nicht mehr gehen. Aber setzen Sie sich doch.«
    Unsere Runde vergrößerte
sich. Da Nagel den Lethargischen spielte, besorgte ich mir in der Küche einen
Stuhl. Und eine neue Flasche Bier natürlich. Die drei Kommissare hatten hübsch
nebeneinander auf dem Sofa Platz genommen. Es sah zum Schießen aus.
    »Wollen Sie was trinken?«
    Kopfschütteln.
    »Gut, dann lege ich los.«
    »Wir bitten darum«, schnarrte Fischer. Seine Mitarbeiter
falteten die Hände im Schoß und starrten Löcher in die Luft. Denen hatte ihr
Chef ein Schweigegelübde auferlegt.
    »Wenn Sie jemanden verhaften wollen«, begann ich, »der alle
drei Morde begangen hat, dann kommt dafür nur ein Typ von Mörder infrage. Ich
erinnere an folgende Indizien: ein Slip, ein Heftchen, DVDs. Alles klar?«
    »Natürlich«, sagte Fischer. »Alles klar. Fahren Sie trotzdem
fort.«
    »Warum hat der Mörder Annette Nierzwa den Slip ausgezogen? Um
ihr Blut von den Klaviertasten zu wischen, sicher. Aber auch, um einen Hinweis
zu geben: Schaut alle her, hier liegt eine Schlampe. Eine sexuell aktive Frau,
die viele Männer hatte und sogar vor Minderjährigen nicht halt machte.«
    Nagel ließ die Kinnlade fallen. Die Polizisten warfen sich
vielsagende Blicke zu.
    »Wenn Sie auf diesen Leo Sluc anspielen …«, begann Fischer.
    »Korrekt.«
    »Dann frage ich mich, wie Sie auf ihn kommen.«
    »Saubere Recherche, was sonst. So wie Herr Greiner unter dem
Bett des Dirigenten recherchiert und Erstaunliches zutage gefördert hat. Damit
sind wir bei Punkt zwo: Auch Enoch Barth-Hufelang hatte seine speziellen
sexuellen Bedürfnisse. Und wenn in Wolls Wohnung etwas ins Auge sticht, dann
seine beeindruckende DVD-Sammlung.«
    »Na und?« Kommissar Greiner konnte sich nicht mehr
beherrschen. »Alles bekannte Tatsachen. Warum erzählen Sie uns das?«
    »Weil sich daraus ein Motiv ergibt. Eine Schlampe, ein
Pädophiler, ein Pornofan – es gibt Menschen, die finden es gut, wenn solche
Elemente aus dem Verkehr gezogen werden.«
    Ich stärkte mich mit einem Schluck Bier. Meine Zuhörer
wechselten vielsagende Blicke.
    »Albern«, sagte Marc schließlich.
    »Wieso albern? Liest du dein eigenes Blatt nicht mehr?
Einhellige Empörung über Barth-Hufelang. Zwischen den Zeilen Beifall für seinen
Mörder. So sieht es aus. Was wird ein Vater über den Dicken denken, wenn er in
dem Heft seine eigenen Kinder entdeckt?«
    »Er wird sicher nichts gegen Annette und Woll unternehmen.«
    »Wer weiß, was Woll alles getrieben hat. Und Annette Nierzwa?
Sie war zumindest aktiver als Otto Normalverbraucher. Und nun stellt euch einen
Mann vor, der nicht nach bürgerlichen, sondern nach eigenen Maßstäben urteilt.
Einen Fanatiker. Der sich vorgenommen hat, die Gesellschaft zu erneuern, den
Saustall auszumisten, Krebsgeschwüre wegzuschneiden. Dieser Typ besucht zur
Erquickung eine Mozart-Oper, strolcht durch die Gänge und sieht, was im Zimmer
des Geschäftsführers vor sich

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