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SCHLANGENWALD

Titel: SCHLANGENWALD
Autoren: Ilona Mayer-Zach
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Handynummer und Clea hob ab. Im Hintergrund nahm Paula lautes Getöse und eine monotone Stimme wahr.
    „Clea, mein Drucker hat den Geist aufgegeben, aber ich muss mit meiner Arbeit fertig werden, sonst geht ein Riesenauftrag den Bach runter. Du weißt doch, wie es um mein Bankkonto steht …“
    Als Paulas beste Freundin, die noch dazu im selben Haus wohnte, war Clea es gewöhnt, dass Paula sich als Erstes an sie wandte, wenn sie wieder einmal in der Klemme steckte.
    „Ich sitze in der U-Bahn. In etwa zwanzig Minuten bin ich bei dir. Mach dir keine Sorgen, wir schaffen das schon“, versprach Clea. Paula fiel ein Stein vom Herzen. Wie hatte sie bloß früher ohne Handy überlebt?, sinnierte sie. Obwohl es diese Technik noch gar nicht so lange gab, konnte sie sich nicht mehr vorstellen, darauf zu verzichten. Dabei war Paula genau genommen ein Telefonmuffel. Dennoch war es hilfreich, bei Bedarf nur einige Tasten zu drücken und mit der gewünschten Person sofort sprechen zu können, wo auch immer sich diese befand. Die ständige Erreichbarkeit war inzwischen selbstverständlich geworden.
    Paulas Magen rebellierte, aber sie fand nichts, womit sie ihn hätte füllen können. In den Küchenschränken gab es weder ein Stück Brot noch irgendein Fertiggericht. Die Tiefkühltruhe, die von ihrer Mutter in regelmäßigen Abständen mit Paulas Lieblingsspeisen befüllt wurde, war bis auf zwei verschrumpelte Marillenknödel leer. Es war schon einen Monat her, dass die letzte Lieferung von Gulasch mit Nockerln, Putengeschnetzeltem, Semmelknödeln und anderen Schmankerln erfolgt war. Ihre Eltern machten Urlaub auf einer griechischen Insel, und seit Paula regelmäßig Besuch von Markus bekam, brauchten sich die Essensvorräte noch rascher auf als sonst.
    Paula verlangte nach etwas Deftigem. Der Gedanke an Käsekrainer ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Keine fünf Minuten später war sie zum nahe gelegenen Würstelstand aufgebrochen. Der Abend war lau. Paula genoss es, von Mai bis September in Sandalen und leichter Kleidung herumzulaufen. Die Sommer ihrer Kindheit hatte Paula viel kühler und regennasser in Erinnerung.
    Der Zeitungsverkäufer neben dem Würstelstand winkte ihr zu. „Viel gearbeitet heute? Augen schon ganz klein.“
    Er formte mit Daumen und Zeigefinger kleine Vierecke vor seinen Augen.
    Paula nickte zerstreut und nahm die Abendzeitung, die er ihr entgegenhielt. Oft plauderten sie ein wenig miteinander, heute war sie jedoch zu müde. Ein gut gekleideter älterer Herr bestellte eine Bratwurst, um sie gerecht mit seinem Dackel zu teilen. Ein angeheiterter Obdachloser lungerte an einem der Stehtische und referierte über asoziale Stadtpolitik. Paula fand es immer wieder inspirierend, wenn beim Würstelstand verschiedene Welten aufeinandertrafen. Sie beschloss, die Wurst gleich hier zu essen und die Zeitung durchzublättern. Das lenkte sie von den Gedanken an die Arbeit ab, die noch vor ihr lag. Mit der Semmel tunkte sie den scharfen Senf auf und genoss den Blick auf den beleuchteten Ring. Die spitzen Türme des Rathauses und die runde Kuppel des Burgtheaters ragten zwischen den Häusern in den Abendhimmel. Paula mochte die Stadt, trotz steigender Kriminalitätsrate. Verglichen mit anderen Metropolen war sie hier immer noch gering. Wien war Kunst und Kultur vor der Haustür, ein imperiales Freilichtmuseum mit einem Charme, den man in anderen Millionenstädten vergeblich suchte. Nirgendwo sonst in Österreich lebten so viele verschiedene Kulturen neben- und miteinander. Wenn Paula es recht bedachte, dann war selbst ihr engster Freundeskreis multikulturell: Clea hatte jüdische Wurzeln, Kurt, ihr Mitbewohner, kam aus Kärnten und in seinen Adern floss slowenisches Blut, Markus stammte ursprünglich aus Südtirol und Paulas Vorfahren waren nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ungarn nach Wien geflohen. Sie alle waren typische Wiener.
    Der Betrunkene hob die Bierdose und prostete ihr zu. Sein anerkennendes Zwinkern wollte nicht so recht klappen. Rasch vertiefte sich Paula wieder in die Zeitung, um ihm zu signalisieren, dass sie schwer beschäftigt war. Ihr Blick blieb an einem Einspalter hängen, der über einen Vorfall in San José , Costa Rica, berichtete.
    Absturz einer Cessna
    Ein Kleinflugzeug mit acht Insassen an Bord, darunter der österreichische Biologe Roman Bartl und vier US-Amerikaner, wird seit Dienstag vermisst. Nach Angaben des Roten Kreuzes könnte die Cessna über einem Berg nahe der Ortschaft

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