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SCHLANGENWALD

Titel: SCHLANGENWALD
Autoren: Ilona Mayer-Zach
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PROLOG
    Costa Rica, Ende August
    1.
Tamarindo
    Er stolperte und fiel, rappelte sich wieder hoch, rannte weiter. Er kämpfte sich durchs dichte Unterholz. Zweige peitschten ihm ins Gesicht. Eine Dornenranke riss eine tiefe Wunde in seinen Unterarm. Immer wieder rutschte er auf dem glitschigen Boden aus, der mit Schichten braunen Laubes bedeckt war, zwang sich auf den Beinen zu bleiben, weiterzulaufen. Er rang nach Luft. Seitenstechen bohrte sich wie Messer in seinen Körper. Er wusste, dass er seinen Verfolgern kaum entkommen würde. Wie lange mochten sie ihn bereits durch den Urwald hetzen? Niedersetzen, ausruhen, schlafen – seine sehnlichsten Wünsche blieben unerfüllbar. Sie waren ihm dicht auf den Fersen. Solange er noch den Funken einer Überlebenschance hatte, würde er sie wahrnehmen. Doch wohin sollte er fliehen? Sein Orientierungssinn hatte ihn längst im Stich gelassen. Nichts in diesem Dickicht konnte ihn leiten. Alles sah gleich aus. Die Geräusche waren ihm fremd, bis auf den eigenen Herzschlag, der in seinen Ohren dröhnte. Der feuchte Dunst raubte ihm die Luft zum Atmen. Sein Körper war schweißüberströmt.
    In unmittelbarer Nähe hörte er Holz brechen. Seine Verfolger waren näher gekommen. Verdammt! Sein Zögern hatte wertvolle Sekunden gekostet.
    Ein harter Schlag traf ihn am Kopf. Spiel verloren, war sein letzter Gedanke. Dann wurde es rundherum dunkel.
    Er erwachte gefesselt auf einem Tisch. Die nackten, weißen Wände und die kahlen Stahlschränke waren in künstliches Licht getaucht.
    José Sánchez Porras war nicht allein im Raum. Die Handlanger seines Todfeindes leisteten ihm Gesellschaft. Er schickte ein Gebet zum Himmel.

     
    2.
    Quepos
    Alles lief wie geplant. Der Mann näherte sich der Cessna, die auf dem Platz hinter dem Hangar stand und demnächst mit mehreren Passagieren an Bord abheben würde.
    Zuvor hatte er den Piloten beim obligaten Flugzeugcheck beobachtet: Reifen, Felgen, Ruderanschlüsse, Klappen, Propeller und Ölstand waren von ihm sorgsam kontrolliert, die Kabinenhaube auf Schmutz und Beschädigungen untersucht worden. Kurz darauf hatte der Pilot den Motor gestartet und ihn eine Weile laufen lassen. Danach war er sichtlich zufrieden aus dem Flugzeug gestiegen. Er schloss die Cessna ab und ging in Richtung Hangar. Im kleinen Aufenthaltsraum würde er genussvoll seinen heißen Kaffee aus der Thermoskanne trinken und auf das Eintreffen der Passagiere warten. Wie es seiner Gewohnheit entsprach.
    Niemand bemerkte den Mann, der am Flugzeug hantierte.
    Mit einer Zange zwickte er zunächst die Sicherung der Ölablassschraube durch und lockerte sie dann vorsichtig mit einem Schraubenschlüssel. Nur ein wenig, damit kein Öl ausfließen und die Manipulation vorzeitig verraten würde. Wenig später verschwand er, so unauffällig wie er gekommen war, in den Büschen.
    Dem Piloten fiel nichts auf, als er mit den Fluggästen an Bord der Cessna ging. Der Motor startete dröhnend, die „Golden Eagle“ hob ab. Der Fernblick über das endlose Grün des Regenwaldes war faszinierend, die Stimmung im Flugzeug ausgelassen. Die Männer hatten allen Grund zu feiern: In wenigen Stunden würden sie die Früchte ihrer harten Arbeit vor einerKommission präsentieren und dafür sorgen, dass niemand mehr dieses Land ungestraft ausbeutete.
    Kurz darauf bemerkte der Pilot den fallenden Öldruck. Der Motor stotterte und fiel schließlich ganz aus.

Eins
    Wien, Ende August, Donnerstag
    Paula Enders Laune war an einem Tiefpunkt angelangt. Sie knüllte lose Blätter zusammen und versuchte eines nach dem anderen in den Papierkorb zu werfen, der in einiger Entfernung von ihrem Schreibtisch stand. In einem Wirtschaftsmagazin hatte sie einmal gelesen, dass diese Übung dabei helfen sollte, sich abzureagieren. Bei ihr zeigte sich jedoch die gegenteilige Wirkung: Ihr Groll wuchs nur noch mehr, weil sie meistens danebentraf.
    Es war nach neun Uhr abends, und sie saß noch immer über einem Projekt, das sie nun schon seit Tagen quälte. Ihr Magen knurrte und wurde seit Stunden mit Wasser beruhigt. Morgen Vormittag um zehn sollte die Präsentation für die Infokampagne eines Kunden stattfinden, deren Texte sie verfasst hatte. Leider fehlte noch immer ein Teil.
    Zu allem Überfluss verlangte der Drucker nach einer neuen Patrone, die Paula natürlich nicht hatte. „Was soll’s?“, zischte sie verärgert und klappte den Laptop zu. Dann fiel ihr Clea ein. Vielleicht war die Freundin schon zu Hause. Sie wählte die

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