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Schlagmann

Schlagmann

Titel: Schlagmann
Autoren: Evi Simeoni
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PROLOG AUF DEM WASSER
    Regentropfen rinnen die Schilfblätter hinab. Der Sonnenaufgang war heute nicht mehr als ein Wandel von nassem Schwarz in nasses Grau. Die Tropfen an den Blattspitzen sind in der Morgendämmerung trüb. Immer wenn eine Bugwelle des Ruderbootes das Schilf erreicht, neigt es sich leicht und knistert. Er vernimmt es trotz des Regens, der sich anhört, als streue jemand in langen Schwüngen Splitt auf die Wasseroberfläche. Und drinnen sein Stöhnen, seine rauhen Atemzüge, die nach außen dampfen.
    Eine Böe zeichnet wellenförmige Muster auf die genoppte Wasseroberfläche. Die Tropfen zerplatzen links und rechts auf seinen nackten Oberarmen. Er hat trotz der Kälte angefangen zu schwitzen und stellt sich vor, der Regen würde zischend verdampfen auf seiner Haut. Er ist ein glühender Kessel, der Druck kann nicht entweichen, er produziert stampfende, dosierte Bewegung.
    Doch die Kälte ist scharf, womöglich sind die Tropfen stärker als er. Hart und kantig wie Eiskristalle. Er hat nur ein ärmelloses Ruderleibchen an, wie immer, es lohnt sich nicht, mehr Kleidung zu verschwitzen. Kurz dreht er den Kopf und versucht, an seinen rechten Bizeps zu kommen. Seine Haut riecht an dieser Stelle gut im Regen, würzig und natürlich. Dann dreht er die Nase schnell wieder nach vorn, als ob ihn hier, in der nassen und kalten Dämmerung, jemand beobachten könnte.
    Er schwitzt und friert, ein Schauer durchläuft ihn, und er hört seine Zähne aufeinanderschlagen.
    Er rudert.
    Ein Schlag nach dem anderen. Vorrollen. Blätter eintauchen, die Füße gegen das Brett stemmen und durchziehen. Seine Muskelnspannen sich bei jedem Zug um sein Inneres wie ein Korsett.
    Mittlere Schlagzahl. Dann legt er zu, nur so. Heute ist eigentlich Langstreckentraining vorgesehen. Aber er will sich abreagieren. Er hat gestern geschlampt. Er hat im Kraftraum zu früh aufgehört, obwohl noch ein Rest Kraft übrig war, es wären noch ein paar Wiederholungen gegangen, sogar Bankdrücken wäre gegangen, aber die anderen drängten ihn schon wegen der anstehenden Mannschaftsbesprechung. Die unverbrauchte Kraft in seinem Körper stört. Sie muss weg.
    Er hängt sich in die beiden Skulls, rammt die Füße ins Brett. Die ersten harten Schläge fühlen sich immer ein bisschen zu mühelos an, man täuscht sich leicht. Der Schmerz kommt plötzlich wie ein Brenneisen. Er bildet sich irgendwo in den Knochen und Gelenken, gräbt sich in die Muskeln und dann ins Gehirn. Immer wieder registriert er fast freudig, wie weh es tut.
    Er begrüßt den Schmerz wie einen alten Vertrauten. Sein Atem geht schneller, er zieht und zieht und zieht und nimmt beinahe unbeteiligt das leichte Zittern in den Oberschenkeln wahr. Seine Muskeln sind zu kalt für den Druck. Aber er braucht ihn jetzt. Er presst die Kiefer aufeinander.
    Er wartet darauf, dass die beiden Schmerzen aufeinandertreffen. Der Schmerz der Kälte, der durch seine Haut dringt. Und der Schmerz, der seine Muskeln von innen brennen lässt. Dieses wohlbekannte Brennen. Er kämpft ihn nieder, indem er sich ihm stellt, sich tief hinein wühlt, seine Spur verfolgt bis in die kleinsten Verästelungen.
    Es ist ganz still hier bis auf das Geräusch des Regens, seiner Ruderschläge und bis auf das Stöhnen, das unwillkürlich mit jedem Schlag seinen Lungen entweicht. Und es ist so kalt, und er ist so fern von allem, an diesem frühen Herbstmorgen auf diesem menschenfeindlichen Mond-See, dass er kurz glaubt, erkönnte wieder einmal ins Nichts abtauchen, in diesen schwerelosen Zustand, von keinem mehr wahrgenommen, nicht einmal von sich selbst.
    Ein No-Body.
    Er stellt sich vor, er wäre ein schwarzer Schattenriss, mit klaren Kanten, der rhythmisch seine Ruderbewegungen ausführt, vor und zurück. Vielleicht schafft er es irgendwann einmal, seinen Namen zu vergessen. Arne. Seine Mutter sagte, sie habe den Klang gemocht.
    Das Wasser ist nicht weich. Er weiß aus Erfahrung, dass es härter ist als alles andere. Wenn er die Ruderblätter hineingetaucht hat, stecken sie dort fest. Und gegen den Widerstand des Wassers wuchtet er das schnittige Boot ein Stück vorwärts. Er bewegt das Wasser nicht. Er stößt sich von ihm ab.
    Das Wasser ist ein übermächtiger Gegner, es kann ihn fertigmachen, wenn ihm ein Fehler passiert. Wenn er dem Wasser aus Versehen das Ruder überlässt, kann er nicht mehr dagegenhalten. Niemand kann das.
    Arne schaut den Strudeln hinterher, die seine Ruderblätter bei jedem Schlag links und

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