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Schiffstagebuch

Schiffstagebuch

Titel: Schiffstagebuch
Autoren: Cees Nooteboom
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1
    Man fliegt nicht einfach so quer über den ganzen Globus, jedenfalls nicht, wenn man an dem Ort, an dem man nach zwölfstündiger Reise landet, eigentlich nichts zu suchen hat. Die Welt existiert unaufhörlich, ununterbrochen, überall. Man sieht es schon bei der Landung, Lichter, so weit das Auge reicht, rollende Autos, Züge, ein anderes Flugzeug in der Luft. Alle wußten von der Ankunft, Zoll, Polizei, Taxichauffeure. Auf der Autobahn ins Zentrum von São Paulo kommt der Verkehr zum Erliegen. Verzweifeltes, vieltöniges Gehupe, das nach Hause will, Tuben von Lastwagen und Bussen, Trompeten und Saxophone vom Rest. Kakophonie, aber ohne Struktur, Fetzen, die durchs Gehirn irren, auf der Suche nach einem Opfer. An wie vielen Stellen der Welt steht in diesem Augenblick der Verkehr still? Die Doppelreihe qualmt und kriecht, der frühe Abend ist grau und düster, obgleich hier Sommer ist, hohe Wohnblocks, im Moment ist nichts reizvoll, hinter fernen Fenstern bewegen sich Schemen, die weißen Flecke des Fernsehens.
    Es sind Augenblicke, an die man sich auf dem Sterbebett nicht erinnern will, in die Länge gezogene, eine angestaubte, leicht eklig gewordene Zeit, die am nächsten Tag wie ein alter Lumpen von einem gezogen wird, doch erst einmal schlafen, erst einmal in dieses unbekannte, ungeliebte Zimmer, das zwischen den Wänden mit der pappfarbenen Tapete, dem Badezimmer mit den diarrhöfarbenen Fliesen, dem lauwarmen Wasser aus dem Hahn und dem Radio der Nachbarn ebenfalls seit einerEwigkeit für einen bereitsteht. Dann möchte die Zeit einen wissen lassen, daß ihr Ablauf vergiftet ist, mitten in der eigenen Nacht geht die Sonne auf, und erst Stunden später ist es Morgen. Ich bin hier schon mal gewesen und werde später zurückkehren, alles, was ich jetzt zu tun habe, ist, einen Tag lang umherzustreifen, bevor ich nach Santiago de Chile weiterreise.
    Der erste, dem ich begegne, ist Cervantes. Er sitzt merkwürdig aufrecht da, zwei Beine sehr entschlossen nebeneinander auf den Boden gestemmt. Keine Übertreibung, die Zahl zwei, das Bild besteht auf diesem lächerlichen Nachdruck. Die Beine sind glatt und hoch wie Säulen, als habe der Bildhauer nicht gewußt, wie man Strümpfe gestaltet. Cervantes‘ noch junges Haupt steckt fest im Mühlkragen, ein Mann, der mit seiner Sprache auf diesen fremden Kontinent gereist ist und sich nicht darüber wundert, daß die Welt dort so geblieben ist, wie sie früher war, Kriege, wie er sie erlebt hat, Gefangenschaft, wie er sie gekannt hat, Herrscher und Sklaven, er sieht mich leicht schräg von der Seite an, als müsse er mir alles mögliche erklären, dort, unter den Palmen. Seltsamer Beruf, Standbild, immer nur dasitzen, um Menschen an etwas zu erinnern. Ob es jemanden gibt, der an ihm vorbeigeht und denkt, eigentlich müßte ich doch mal ein Buch von ihm lesen? Ich weiß nicht, ob das so funktioniert. Wir treffen uns um fünf vor dem Cervantes-Denkmal – ja, für so etwas sind Standbilder gut.
    Am nächsten Tag fliege ich von der einen Küste zur anderen, über Paraná, über den Süden Paraguays, über den großen, wilden trockenen Norden Argentiniens und das gefräßige Gebiß der verschneiten Kordilleren, hinter denen Chile liegt, als gehöre es nicht zur übrigen Welt.
2
    Mein Leben wird von Schriftstellern bestimmt. Abend in Santiago de Chile. Ich esse im tiefen Blau, Azul Profundo, einem
     Neruda-Restaurant. In Amsterdam gibt es eine Proust-Bar, ein Bordewijk- und ein Kafka-Restaurant, doch keines dieser Etablissements hat einen wirklichen
     Bezug zu einem Schriftsteller. Das ist hier anders. Fotos, Bugspriete, Galionsfiguren, Gedichte, alles ist da, der Dichter kann jeden Moment eintreten und
     die ungebetenen Gäste hinausjagen. Später gehe ich am Palast seines Freundes Allende vorbei. Da ist der berühmte Balkon von jenem letzten Foto, in meiner
     Erinnerung sehe ich den Mann mit dem hilflosen, etwas schief über der zu großen Brille sitzenden weißen Helm, der mit seiner Waffe heraustritt, als wolle
     er Pinochet vertreiben, ein Intellektueller, der sich in die Welt der Gewalt verirrt hat. Die U-Bahnstationen, an denen ich vorbeikomme, heißen Heroes und
     Escuela Militar, die Armee ist noch immer nicht weit. An der Alameda O‘Higgins liegt die altmodische confitería Torres, in der Allende zusammen mit
     allen anderen Präsidenten Chiles an der Wand hängt, würdevolle rechts oder links denkende Herren im Frack mit Schärpen und Ehrenkreuzen. Der Ober, der
    

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