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Scherben: Du tötest mich nicht (German Edition)

Scherben: Du tötest mich nicht (German Edition)

Titel: Scherben: Du tötest mich nicht (German Edition)
Autoren: Kerstin Ruhkieck
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    Prolog
     
    4 Jahre früher als heute
    Donnerstag, 09. August, 22:49 Uhr
     
    A ls er mühsam seine Augen öffnete, wusste er nicht, ob er noch am Leben war. Der Schmerz, der augenblicklich eintrat, machte ihm jedoch auf sadistische Weise deutlich, dass sein Körper ihn noch nicht verlassen hatte.
    Das Erste, das er wahrnahm – neben dem Schmerz, der u ndefinierbar von seinem linken Bein und irgendwo am Unterbauch zu seinem Gehirn aufstieg – war der schlaffe Airbag und die von der Nacht eingehüllte Fahrbahn vor ihm. Die Scheinwerfer seines Wagens beleuchteten etwa 70 Meter des Asphalts, doch dahinter kam die einnehmende Dunkelheit. Das Licht schmerzte in seinen Augen, aber das war nichts im Vergleich zu der Angst vor der Finsternis, die um ihn herum lauerte, um ihn zu verschlingen.
    Erst jetzt hörte er dieses seltsame Geräusch. Es war lauter als das monotone Summen in seinen Ohren, doch drang es nur dumpf und wie durch Watte in sein Bewusstsein. Es klang wie die Blinkanlage des Wagens, doch das dazugehörige Licht war nicht zu sehen. Und mit diesem Geräusch, das i mmer heftiger in seinem Gehirn zu hämmern begann, kam der betäubende Kopfschmerz. Stöhnend griff er sich an die Stirn und spürte sofort, dass seine Finger etwas Feuchtes berührten. Erschrocken zuckte seine Hand zurück, und er rang nach Atem. Er hatte plötzlich das Gefühl, er würde ersticken. Panik packte ihn. Mit zitternden Fingern tastete er hektisch nach dem Sicherheitsgurt, der sich bedrohlich eng um seinen Körper zog. Er würde ihn noch umbringen, seine Lungen zerbersten lassen, wenn er sich nicht sofort davon befreite! Als es ihm endlich gelang, den Gurt zu lösen, ebbte auch seine Panik ab. Er lebte! Zwar war er verletzt und hatte Schmerzen, doch er lebte! Und hatte er eben noch das bedrängende Gefühl gehabt, von ihm zerquetscht zu werden, so dankte er nun dem Gurt, dass er ihm das Leben gerettet hatte.
    Schlagartig drang eine andere Wahrheit in sein Bewuss tsein. Anna! Sie hatte neben ihm im Auto gesessen, auf dem Weg über die dunkle Landstraße zu dem Essen mit ihren Eltern, das am nächsten Tag stattfinden sollte. Anna, er selbst und sein bester Freund hatten sich für diese Verabredung extra Urlaub genommen, doch dann war seinem besten Freund etwas dazwischen gekommen. Deswegen waren er und Anna alleine gefahren.
    Als er nun zur Seite auf den Beifahrersitz blickte, war A nna nicht mehr da. Jetzt bemerkte er auch das große Loch in der Frontscheibe seines Wagens, und er versuchte, sich in Erinnerung zu rufen, was eigentlich geschehen war.
    Die Straße war dunkel gewesen, es hatte geregnet, das erste Mal in diesem August, und der Boden war nass gew esen. Er sprach mit Anna, er konnte sich nicht einmal mehr entsinnen, worüber sie redeten, und dann verlor er die Kontrolle über den Wagen. Er versuchte noch, dem Baum auszuweichen – vergeblich. Er rammte ihn mit dem rechten Kotflügel. Es gab einen lauten Knall, ob nun von dem Zusammenstoß oder dem Airbag konnte er nicht sagen. Er glaubte sich zu erinnern, dass sich der Wagen drehte, um die eigene Achse wie ein Kreisel. Die Ohnmacht, die ihn dann überfiel, war stärker gewesen als der klare Menschenverstand.
    Obwohl er nun wieder bei Bewusstsein war, hatte er noch immer nicht seinen Verstand wiedergefunden. Die einzige vernünftige Erkenntnis, die sein Gehirn bi slang zugelassen hatte, war Annas Verschwinden. Als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Anna, die sich niemals anschnallte. »Ich fahre nun seit Jahren Auto, als Fahrerin und als Beifahrerin, und ich lebe noch. Also warum soll ich mich anschnallen? Mir passiert schon nichts«, hatte sie einmal erklärt und ihre Worte mit einem einnehmenden und warmen Lächeln unterstrichen. Immer wenn sie ihn so ansah, gab es für ihn keine Möglichkeit, ihr zu widersprechen …
    Erst jetzt, da er mühsam die Fahrertür aufstieß, bemerkte er, dass es aufgehört hatte zu regnen. Wäre dieser Unfall auch geschehen, wenn sie bloß eine halbe Stunde später losgefa hren wären? Unter Qualen und äußerst umständlich wuchtete er sich aus dem Auto. Seine Befürchtung, dass etwas mit seinem Bein nicht stimmte, wuchs. Ein kurzer Blick, den er sofort bereute, brachte schmerzende Gewissheit: Blut war in den Stoff seiner Hose gesickert und klebte ihn wie dunkler Sirup an seiner Haut fest. Als wären seine Nervenenden durch diesen Anblick nun endgültig zum Leben erwacht, erreichte der Schmerz mit voller Wucht sein Gehirn. Er stöhnte auf,

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