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Schattenjagd

Schattenjagd

Titel: Schattenjagd
Autoren: Ernst Vlcek
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Ernst Vlcek
    SCHATTENJAGD
    Deddeth
    Was aus dem Dunkeln kommt und das Licht kennengelernt hat, seine unzähligen Farben und Formen, das kann sich nicht mehr mit einem Schattendasein zufriedengeben.
    Und etwas, das einen Geschmack von der Vielgestaltigkeit des Lebens bekommen hat, muss seine eigene Körperlosigkeit als Verdammnis empfinden.
    Dieses Etwas hatte seine Geburtsstunde im Hochmoor von Dhuannin erlebt, als die Heere des Dunkels und des Lichts aufeinanderprallten.
    Es mochte bloß eine glückliche Fügung gewesen sein, dass zum Zeitpunkt des großen Sterbens ein Stein vom Himmel fiel, worin Etwas als unfertiges Schattending eingeschlossen war.
    Möglich aber auch, dass höhere Mächte dahintersteckten und einen bestimmten Plan damit verfolgten. Etwas wusste es nicht, es kam überhaupt erst nach und nach dahinter, dass im Hochmoor von Dhuannin eine große Schlacht im Gange war, als der Himmelsstein einschlug und aufbrach -und es freigab. Etwas erkannte erst allmählich, dass es die Lebenskräfte der sterbenden Krieger aus beiden Lagern waren, die auf es einströmten und es stärkten.
    Etwas sog gierig so viel von dieser Kraft in sich auf, bis es selbst zu etwas Lebendigem wurde, dem zur Fertigkeit nur noch ein Körper fehlte.
    Und aus Etwas wurde ein Deddeth.
    Der Deddeth hielt Umschau in der Galerie des Lebens, aber je mehr Körper er schaute, desto wählerischer wurde er. Der Körper, den er zu seinem machen wollte, musste ohne Fehl und Makel sein, ohne Schwächen und Gebrechen. Der Deddeth wollte nur das Beste vom Besten.
    Endlich entdeckte er in Mythor solch einen Körper, und er sah es von nun an als seine Bestimmung an, diese vollendete Lebenshülle als Sitz seines dunklen Geistes zu erwählen.
    Der Deddeth stürzte sich in blinder Gier auf sein Opfer, jagte ihm nach, als es ihm entfliehen wollte, und focht gegen den Geist einen erbitterten Kampf, als dieser sich als überaus widerspenstig erwies.
    Endlich, an einem Ort, weit vom Hochmoor entfernt, gewann der Deddeth die Oberhand und glaubte, den begehrten Körper fest in seiner Gewalt zu haben. Gewiss war es von tieferer Bedeutung, dass der Ort seines Triumphs ebenfalls von einem aufgebrochenen Himmelsstein gekennzeichnet war, von einem Stein, der eine lähmende Wirkung auf sein Opfer hatte, so dass der Deddeth leicht in dessen Körper schlüpfen konnte.
    Er war nun in Mythor, konnte aber weder seinen Körper steuern noch seinen Geist unterdrücken. Und bevor der Deddeth Mythors Widerstand endgültig brechen konnte, wurde er durch Einflüsse von außen wiederum verjagt und musste aus Mythors Körper fliehen.
    Doch der Deddeth gab sich nicht geschlagen. Nachdem er das Gefühl kennengelernt hatte, einen Körper zu besitzen, lechzte er mehr denn je danach. Und er setzte die Jagd auf Mythor fort, hetzte ihn durch die unendlichen Weiten dieses Landes, das so ganz anders war als das Schattenreich, stellte ihm nach und wartete auf seine Gelegenheit.
    Es war unstillbare Begierde, Raserei geradezu, die den Deddeth vorantrieb. Auf seiner Wanderung, dabei von Schatten zu Schatten springend, die das Leben der Lichtwelt abwarf, hatte er oft genug Gelegenheit, sich irgendeinen beliebigen Körper zu beschaffen. Doch solche Zufallsbegegnungen nutzte er nur dazu, sich von diesen Opfern jene Energie zu holen, die er zum Leben brauchte.
    Dadurch wurde er stark und mächtiger und seiner Bestimmung immer mehr gewachsen, die da lautete: Hol dir Mythors Körper – er ist dein!
    Für den Deddeth machte es keinen Unterschied, ob übergeordnete Mächte der Schwarzen Magie ihn lenkten. Er ging nie in sich, um sich zu fragen, ob er sich diese Aufgabe selbst gestellt hatte oder ob er in fremdem Auftrag handelte. Es zählte nur, dass er sein Ziel erreichte.
    Dafür wagte er alles, nutzte alle seine Möglichkeiten aus und setzte seine stärker werdenden Fähigkeiten in vollem Umfang ein. Seine Bindung an Mythor war bereits so stark, dass er ihn selbst über große Entfernungen der Lichtwelt wahrnehmen konnte. Und so war es ihm ein leichtes, seinem auserwählten Opfer zu folgen, als dieses sich in einem großen, bauchigen Ding auf die wirbelnden Wasser der Strudelsee hinauswagte. Dieses Wassergefährt, Lichtfähre genannt, war mit vielen anderen von Mythors Art besetzt, deren sich der Deddeth bedienen konnte, um sich an sein Opfer heranzumachen.
    Endlich bekam der Deddeth eine neue Chance, als er erreichte, dass Mythor, in eine Lederblase eingenäht, in die Fluten geworfen wurde.

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