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Schattengilde 02 - Der Gott der Dunkelheit

Titel: Schattengilde 02 - Der Gott der Dunkelheit
Autoren: Lynn Flewelling
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Prolog
     
     
    Stampfend segelte das schlanke Schiff aus Keston durch schäumende Wogen in südwestlicher Richtung gen Skala. Nachts brannten keine Laternen; die Besatzung, allesamt erfahrene Schmuggler, steuerten mit himmelwärts auf die Sterne gerichteten Augen. Tagsüber waren sie ständig auf der Hut, wenngleich die Wahrscheinlichkeit, auf ein anderes Schiff zu stoßen, äußerst gering war. Nur ein plenimaranischer Kapitän würde so spät im Jahr noch eine Hochseereise wagen, und diesen Winter würden sie so hoch im Norden gewiß niemanden antreffen. Nicht, wenn sich so wie jetzt ein Krieg zusammenbraute.
    Eis verkrustete das Tauwerk. Mit blutigen Händen zerrten die Matrosen an den Fallen, kratzten gefrorenes Wasser aus den Trinkfässern, kauerten sich in den dienstfreien Stunden zusammen und tuschelten über die beiden feinen Herren, die sie als Fahrgäste beförderten, und über die finsteren Gesellen, die mit ihnen an Bord gekommen waren.
    Am zweiten Tag auf See torkelte der Kapitän betrunken an Deck. Tote könnten mit Gold nichts anfangen, brüllte er lallend über den tosenden Wind hinweg; schlechtes Wetter wäre im Anzug, und sie würden umkehren. Lächelnd führte ihn der dunkelhaarige Adelige unter Deck, und der Vorschlag kam nie wieder zur Sprache. Irgendwann in jener Nacht ging der Kapitän über Bord. So zumindest erzählte man es sich; Tatsache war, daß man ihn am nächsten Morgen nirgends fand und der Kurs unverändert blieb.
    Der erste Maat übernahm die Führung des Schiffes und band sich ans Steuerrad, während sie weiterpreschten. Da sie vom Kurs abgetrieben worden waren, verfehlten sie die Möweninsel und segelten ohne Pause, völlig erschöpft, durch peitschenden Schneeregen weiter. Am vierten Tag wurden zwei weitere Männer über Bord gespült, als die Wellen das Schiff beinahe zum Kentern brachten. Dabei knickte ein Mast; gleich einem gebrochenen Hügel schleppte der Kahn das Segel neben sich her. Wie durch ein Wunder hielt sich das Schiff über Wasser, während die verbleibende Besatzung sich abmühte, die verworrenen Seile zu kappen.
    Als die Männer in jener Nacht in den gefrorenen Wanten hingen, tuschelten sie wieder untereinander, wenngleich höchst verstohlen. Ihre fein gekleideten Fahrgäste hatten Unglück an Bord gebracht; niemand wollte ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken. Indes stampfte das Schiff weiter, als führten hilfreiche Dämonen den Kiel.
    Zwei Tage vor Cirna hob der Sturm sich hinfort. Eine fahle Sonne brach durch die Wolkenfetzen und geleitete das gebeutelte Schiff westwärts, doch das Pech blieb dem Kahn treu. Unter der Besatzung breitete sich plötzlich ein Fieber aus. Einer nach dem anderen erkrankte; die Kehlen schwollen den Männern zu, und in den warmen Bereichen ihrer Lenden und Achselhöhlen wucherten schwarze Entzündungen. Die von der Krankheit verschonten Matrosen beobachteten entsetzt, wie die Waffenknechte der beiden feinen Herren die aufgedunsenen Leichen lachend über Bord warfen. Von den Fahrgästen erkrankte niemand, dafür spürte selbst das letzte Besatzungsmitglied eine verzehrende Erschöpfung, als sie endlich die hoch aufragenden Klippen der Landenge von Skala sichteten. Sie erreichten die Hafenmündung von Cirna bei Dunkelheit und ließen sich von den flackernden Leuchtfeuern zu beiden Seiten der Kanaleinfahrt leiten. Der schlaff am Steuerrad hängende, sterbende Maat beobachtete, wie die Männer der Fahrgäste die Segel einholten, den Anker warfen und die Beiboote über die Seite zu Wasser ließen.
    Einer der beiden feinen Herren, der dunkelhaarige mit der langen Narbe unter dem Auge, tauchte plötzlich am Ellbogen des Maates auf. Er lächelte, lächelte immerzu, doch das Lächeln schien niemals bis in die Augen vorzudringen. Halb benommen taumelte der Maat rücklings, aus Angst, von diesen seelenlosen Augen verschlungen zu werden.
    »Ihr habt euch wacker geschlagen«, sprach der Dunkelhaarige und streckte die Hand aus, um dem Maat einen schweren Geldbeutel in die Tasche zu stecken. »Ans Ufer setzen wir allein über.«
    »Einige von uns leben noch, Herr!« krächzte der Maat und starrte sehnsüchtig auf die Leuchtfeuer und die einladenden Lichter der Stadt, die so nah jenseits des Wassers schimmerten. »Wir müssen an Land, um einen Heiler zu holen!«
    »Einen Heiler, sagst du?« Bekümmert zog der dunkelhaarige Herr eine Augenbraue hoch. »Tja, mein Gefährte hier ist so etwas wie ein Heiler. Du hättest nur zu fragen brauchen.«
    Der

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