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Schattenblicke - Thriller

Schattenblicke - Thriller

Titel: Schattenblicke - Thriller
Autoren: Karen-Susan Fessel
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1 // Sonntagabend
    »Achtung, Alex! Pass auf!« Carls Stimme ist nah und sehr laut. Schräg über mir verdeckt plötzlich ein Schatten den Himmel, und reflexartig springe ich zur Seite. Meine Mutter schreit auf, ein paar Mädchenstimmen kreischen, und dann rumst es heftig, als direkt neben mir ein schwerer Rollkoffer zu Boden geht. Carls Gesicht taucht vor mir auf.
    »Puh! Noch mal Glück gehabt, was?«, grinst er, während Böhle, unser Klassenlehrer, erschrocken die Hand auf meine Schulter legt.
    »Alles in Ordnung, Alexandra?«, fragt er, und ich nicke, obwohl ich noch gar nicht so richtig begriffen habe, was eigentlich passiert ist. Aber eins begreife ich sehr wohl: Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Allerdings nicht vor Glück, obwohl das eigentlich auch sein könnte, so, wie Carl mich anlächelt.
    »Mein Gott, wie ist denn das passiert?«, fragt meine Mutter geschockt.
    »Der Koffer ist von oben runtergerutscht.« Carl deutet auf die vollgestopfte Ladeluke in der Seitenwand des Busses. »Da hat wohl irgendwer beim Einladen nicht aufgepasst.«
    »Die schweren Koffer gehören ja auch nach unten, das hab ich doch gerade ausdrücklich angesagt«, brummt der Busfahrer ärgerlich, während er gemeinsammit Böhle den Koffer aufhebt und von allen Seiten begutachtet. Der Koffer hat nur ein paar Schrammen abbekommen, und gemeinsam wuchten sie ihn nach unten in die Ladeluke. Carl schiebt gentlemanlike meine Tasche hinterher, dann strahlt er mich noch einmal breit an. »Bis später! Wir sehen uns!«, ruft er und verschwindet mit ein paar langen Schritten in der Menge.
    »Geht ja wohl auch kaum anders«, murmele ich, aber lächeln muss ich trotzdem. Carl ist einfach süß. Aber ich weiß noch nicht, ob er auch süß genug für mich ist.
    Als ich ihm nachsehe, fange ich Darias Blick auf. Sie verabschiedet sich gerade von ihrem Vater, aber ein vielsagendes Zwinkern in meine Richtung kriegt sie trotzdem noch hin. Hilfe! Jetzt muss ich mir wahrscheinlich die halbe Fahrt lang wieder zig Bemerkungen über Carl anhören. Vielleicht sollte ich endlich mal was mit ihm anfangen, damit die anderen wirklich was zu reden haben.
    »Netter Junge, dein Klassenkamerad da«, sagt meine Mutter trocken. »Was meinst du, wenn ich ihm 20 Euro anbiete, passt er dann die ganze Woche über so gut auf dich auf?«
    »Mama!« Ich verdrehe die Augen.
    »Los jetzt, Kinder, steigt doch mal ein!« Böhle, der mittlerweile an der Bustür steht, macht hektische Schaufelbewegungen in Richtung Eingang, aber niemandkümmert sich groß darum. Meine gesamte Klasse verabschiedet sich in Ruhe weiter von ihren Freunden und Verwandten, die sie zum Bus gebracht haben. Direkt hinter meiner Mutter umarmt Birte gerade ihre kleine Schwester, und daneben schüttelt Zeki seinem Vater die Hand.
    Ich spüre den nachdenklichen Blick meiner Mutter. »Wenn deine Klassenfahrt schon so anfängt, dass dir fast ein Koffer auf den Kopf donnert, dann weiß ich gar nicht, ob ich dich überhaupt fahren lassen kann!«, sagt sie skeptisch.
    »Ma, jetzt hör aber auf! Ist doch bloß eine läppische Woche Plattensee! Das ist idiotensicher da unten. Da sind sowieso nur alte Leute unterwegs!«
    Aber meine sonst meistens so coole Mutter runzelt die Stirn. »Pass gut auf dich auf!«, sagt sie besorgt und greift nach meinen Händen. »Und zieh nicht allein los, ja? Immer mit mindestens einer Freundin zusammen!«
    »Mama, ich bin doch kein Kleinkind mehr! Ich bin sechzehn!«
    »Das ist das schlimmste Alter überhaupt«, sagt meine Mutter und zieht eine Grimasse. »Melde dich jedenfalls, wenn ihr angekommen seid! Dein Handy hast du?«
    »Mama! Echt jetzt!«
    »Pass auf dich auf, Lexy!«, bittet meine Mutter noch einmal inständig und zieht mich in die Arme. Ichstemme mich gegen sie – meine Güte, ich bin doch wirklich kein Kleinkind mehr –, aber als mir ihr vertrauter Duft in die Nase steigt, atme ich ihn doch noch einmal tief ein. Meine Mutter riecht einfach unglaublich gut.
    »Mama«, sage ich versöhnlich, »ich fahr doch nicht in ein Krisengebiet, sondern nur nach Ungarn. Das liegt in Mitteleuropa!«
    »Aber auch nur gerade so noch!« Meine Mutter lässt mich los. Ihre hellblauen Augen blitzen im Licht der langsam untergehenden Augustsonne. Alle sagen, dass ich die gleichen Augen habe wie sie, aber ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt. Ich finde, in den Augen meiner Mutter kann man das Leben sehen, das sie hinter sich hat. Gutes und Schlechtes. Aber in meinen?
    »Wer nicht bei

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