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Schampanninger

Titel: Schampanninger
Autoren: Max Bronski
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Mitra?
    Vierthaler deutete auf den Geier-Horst und zerrte mich hinter sich her. Drinnen gab es ein großes Hallo unter den Saufbrüdern, als wir die Kneipe betraten. Die waren einer wie der andere austrainierte Kerle, die gut und gern sechs Stunden täglich ihren Arsch in Kneipen platt saßen. Sie hatten alle dieselbe Physiognomie, diese ausgeleierte Säuferfresse mit der gelbbraunen Gesichtshaut, einem Farbton, in dem auch Theke, Stühle, Wände, Vorhänge und Fenster gebeizt waren. Unter dem Gelächter und Gejohle dieser Alkchinesen bestellte ich mir einen Pfefferminztee. Vierthaler bedeutete seinem Freund Horst hinter der Theke mit gönnerhafter Geste, dass alles auf seine Rechnung gehe.
    Wir besprühten meinen Bischofsumhang mit einem Fichtennadelspray, weil Nikoläuse in der Regel aus dem Wald und nicht aus der Kneipe kommen, und schließlich war ich so weit. Die Alkchinesenfraktion bescheinigte mir, eine Eins-a-Figur zu machen, und so zog ich los.

2
    Schon beim Überqueren der Kapuzinerstraße fasste ich volles Vertrauen zu meiner Maske. Vielleicht wäre es einem Bischof angemessener gewesen, einen Ampelübergang zu benutzen, ich hatte jedoch in alter Gewohnheit die Direttissima genommen. Respektvoll verlangsamten die Autos ihre Geschwindigkeit und winkten mich durch. Um mich noch ein wenig zusammeln, Zeit genug war zudem, spazierte ich um den Block zur Isar hin.
    Die Grünanlagen waren menschenleer, weit und breit war niemand zu sehen, und so entschloss ich mich, meine von Lampenfieber und Kälte angegriffene Blase zu entleeren. Ich stellte mich hinter einen Baum. Aus der dunstigen Dunkelheit der Isarauen schälte sich nach und nach ein Langläufer heraus. Der Sportler kam vom Flaucher in zügigen Skatingschritten und hatte einen Rucksack bei sich. Auch auf der kleinen, wenig befahrenen Sackstraße, die zu den Anlagen führt und mit reichlich Schnee bedeckt war, blieb er auf seinen Skiern.
    Am Stadtbach hatte er sein Auto abgestellt. Behände sprang er aus der Bindung, schnallte Ski und Stöcke zusammen, schob sie in den Kofferraum und warf den Rucksack hinterher. Interessiert hatte ich zugesehen, während ich mich wieder einpackte. Nach dem sportlichen begann nun der seltsame Teil dieser Darbietung: Hastig zerrte er Pudelmütze und Skibrille vom Kopf, stopfte beides in die Seitentasche seines Anoraks, zog ihn aus, knüllte ihn zusammen und warf das Bündel in eine Bachabzweigung, die in die Isar hineinstrudelt.
    Ich trat hinter den Baum, um nicht bemerkt zu werden.
    Aus seinem Wagen holte er eine Jacke, die auf die Entfernung wie ein Seemannszweireiher wirkte, und setzte eine an den Seiten hochgerollte Strickmütze nach Art der Matrosen auf. Dann stieg er ein und fuhr los. Erst im Fahren blendete er das Licht auf, und die Scheinwerfer leuchteten mich für einen kurzen Moment hinter meinem Baum stehend an. Als wäre er erschrocken, trat er auf das Gaspedal. Im Vorbeipreschen erhaschte ich einen kurzen Blick durch das Seitenfenster seines Opels und meinte einen älteren Mann mit buschigenAugenbrauen und einem Schnauzer ausmachen zu können. Die Einfahrt in die Wittelsbacherstraße nahm er mit Anlauf, wahrscheinlich, um nicht anhalten zu müssen. Zwar war dort gestreut, aber der Verkehr hatte schon tiefe Spurrillen gegraben und die Schneedecke aufgebrochen. Er durchpflügte die Schneewellen, riss auf der anderen Straßenseite das Steuer herum, beschleunigte wieder, sodass der Wagen in einem Powerslide herumgezogen wurde. Dann fuhr er stadtauswärts davon.
    Was zum Teufel hatte das zu bedeuten?
    Kurze Zeit später sah ich klarer. Aus einer einzelnen fernen Polizeisirene waren rasch viele geworden. Schon als ich den Roecklplatz überqueren wollte, geriet ich in eine Gruppe von Beamten, die mich zur Personalfeststellung festhielten.
    – Ihren Ausweis bitte!
    – Werden jetzt auch schon Bischöfe festgenommen?
    Die Jungen waren vollkommen humorlos. Ich musste Bart und Mitra abnehmen, um die Ähnlichkeit mit meinem Passfoto herstellen zu können. Dann gaben sie auch noch meine Daten über Funk durch.
    – Was ist denn passiert?
    – Dazu dürfen wir nichts sagen. Schauen Sie halt nächster Tage in die Zeitung, sagte der Beamte.
    Es ist schon ganz anderen Helden widerfahren, dass sie nicht ans Ziel kommen konnten, weil sie einfach nicht die richtigen Fragen gestellt haben. Man hätte es bei mir ja mal versuchen können! Aber von nichts kommt nichts, ich bin nun mal keiner von denen, die zu sabbern beginnen, wenn sie

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