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Saubere Verhältnisse

Saubere Verhältnisse

Titel: Saubere Verhältnisse
Autoren: Ma2
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erinnerten sie an stolze Schiffe, die vorübergehend an einem Felshang vertäut worden waren. In den Einfahrten standen Wagen von Mercedes und BMW. (Ansonsten war Volvo das absolut häufigste Auto im Vorort: Volvo Kombi. Er stand in so vielen Einfahrten, daß es schon beinahe komisch wirkte.)
    Nach der Errichtung der Protzhäuser der 8oer Jahre war der Vorort eigentlich voll bebaut. In den letzten Jahren – das heißt zu der Zeit, in der Yvonne den Vorort studiert hatte – waren nur noch wenige Häuser hinzugekommen, und eines wurde gerade gebaut. In allen Fällen hatten die Hausbesitzer eines der verfallenden Häuser gekauft, es abgerissen und neu gebaut. Die knorrigen Apfelbäume hatten sie stehenlassen, und mit ihren Satteldächern aus roten Ziegeln, der senkrechten weißen und hellgelben Holzverkleidung und den kleinen dreieckigen oder halbrunden Giebelfenstern ähnelten diese ganz neuen Häuser den allerältesten zum Verwechseln.
    Als ob der Kreis sich geschlossen hätte und der Vorort wieder von vorne anfangen würde.

3
    Yvonne nannte es ihren Vorort, aber eigentlich war es nicht ihrer. Sie wohnte nicht hier, nicht einmal in der Nähe, sie kannte auch niemanden, der im Vorort wohnte.
    Sie kam zum ersten Mal an einem Abend Ende Mai hierher, sie war bei einer Kundin gewesen, deren Schreibtisch sie aufgeräumt hatte, und war auf dem Weg nach Hause. Das war zu der Zeit, als sie so etwas noch selbst machte. Inzwischen machten das die Mädchen.
    Sie war ein bißchen müde, aber ziemlich gut gelaunt. Sie war mit ihrem Einsatz bei der Kundin zufrieden. Sie hatten um zehn Uhr angefangen, mit einem chaotischen Durcheinander aus Protokollen, Post-it-Zetteln, Briefen, Prospekten, ungespülten Kaffeebechern, Visitenkarten, Computerausdrucken und Zeitungsausschnitten, und nach einer systematischen Durchsicht jedes einzelnen Zettels, nach der Methode ihrer Firma, standen sie um halb sechs vor einigen gefüllten Ordnern und Mappen und einem großen Müllsack. Yvonne schloß die Arbeit wie immer damit ab, daß sie den Schreibtisch mit einem Tuch abwischte, um das Gefühl von Sauberkeit zu verstärken. Die Kundin war so dankbar, daß sie fast weinte. Sie betrachtete die neuen, blendend weißen Ordner, die sie zusammen mit Yvonne ins Regal gestellt hatte, strich mit der Hand über die leere Schreibtischplatte und flüsterte:
    »Wie sie aussieht. Was ist das wohl für ein Holz? Eiche?«
    »Kaum. Wahrscheinlich irgendein Laminat«, sagte Yvonne und steckte den Lappen und die kleine Sprayflasche mit dem Putzmittel in ihre Aktentasche.
    »Und zögern Sie nicht, mich anzurufen, wenn es wieder überhandnimmt. Aber wenn Sie meiner Methode folgen, verspreche ich, daß Sie mich nie wiedersehen.«
    Kurz vor sechs saß Yvonne im Auto auf dem Weg nach Hause. Aus den Lautsprechern kamen »klassische Perlen«, und durch das offene Fenster strömte warme Luft herein. Der Motor schnurrte leise und sanft.
    Plötzlich bemerkte sie etwas Ungewöhnliches. War die Luft vor ihr nicht irgendwie dick und dunstig? Brauchte sie eine Brille? Oder machte jemand in der Gegend ein Feuer? Es erinnerte nämlich an Rauch, was da ihr Auto verfolgte und ihr nun auch die Sicht vernebelte. Es roch nach Rauch und – mein Gott, es war Rauch. Dicker, schwarzer, stinkender Rauch, der sich zu einer Wolke verdichtete. Sie warf einen Blick auf das Armaturenbrett und sah, daß die Warnlampe für überhitzten Motor leuchtete.
    Yvonne fuhr an den Rand, machte den Warnblinker an und stieg schnell aus. Bevor sie noch richtig nachdenken konnte, hielt neben ihr ein Mercedes, und der Fahrer erbot sich, sie zu einer Werkstatt in der Nähe zu schleppen. Verwirrt und dankbar nahm sie das Angebot an, und kurze Zeit später war sie bei einer Tankstelle mit einer kleinen Werkstatt im Hof.
    Der Mann, der sie abgeschleppt hatte, mußte eilig weiter, aber bevor dieser Ritter der Landstraße verschwand, konnte sie ihm noch die kleine Broschüre über ihr Unternehmen »Mehr Zeit« und seine Methoden zustecken. Er warf einen Blick auf den Umschlag und steckte ihn ohne ein Wort in die Tasche. (Das war noch zu einer Zeit, als sie noch nicht mit ihrem minimalistischen Profil arbeitete, sondern mit dem schrecklichen ersten Logo, einer Uhr, die in den Schlitz eines Sparschweins rutschte.) Dem Wagen und der Kleidung nach zu urteilen, handelte es sich um einen Karrieremann. Vielleicht ein potentieller Kunde? Aber sehr gestreßt schien er nicht zu sein, er hatte sich schließlich die Zeit

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