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Sandkönige - Geschichten

Sandkönige - Geschichten

Titel: Sandkönige - Geschichten
Autoren: George R. R. Martin
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DIE STEINSTADT
    Für die Durchgangswelt gab es tausend Namen. Auf den Sternkarten der Menschen war sie als Graurast verzeichnet — wenn überhaupt, denn sie lag weit abseits von menschenbesiedelten Gegenden, eine jahrzehntelange Reise dem Inneren der Milchstraße entgegen. Die Dan'lai nannten sie in ihrer hohen, kläffenden Sprache »Leer«. Für die Ul-mennaleith, die sie am längsten kannten, war sie schlicht die Welt der Steinstadt. Die Kresh hatten ein eigenes Wort für sie, und auch die Linkellar, die Cedraner und viele andere Rassen, die mit dieser Welt in Berührung gekommen waren. Doch für die meisten, die auf ihren Reisen von Stern zu Stern für kurze Zeit dort haltmachten, galt sie als Durchgangswelt und wurde deshalb auch so genannt.
    Es war ein öder Ort, eine Welt aus grauen Meeren und endlosen Ebenen, über die wilde Stürme fegten. Bis auf den Raumhafen und die Steinstadt lag alles brach. Nach menschlicher Zeitrechnung war der Hafen etwa fünftausend Jahre alt. Die Ul-nayileith hatten ihn während der Blüte ihrer Herrschaft über die ullischen Sterne gebaut und hundert Generationen lang verwaltet. Als die Macht der Ul-nayileith versiegte, wurde die Durchgangswelt von den Ul-mennaleith in Besitz genommen. Jetzt erinnerte man sich an die ältere Rasse nur noch in Legenden und Gebeten.
    Aber der Raumhafen, ein großer Fleck auf der weiten Ebene, blieb bestehen. Hohe Wälle, die man zum Schutz gegen die Stürme gebaut hatte, umringten die Anlage. Innerhalb der Mauern lag die Hafenstadt — Hangars, Baracken und Läden, in denen sich müde Passagiere zahlloser Welten ausruhen und erfrischen konnten. Im  Westen, außerhalb der Wälle, war nichts als Wüste. Die Winde kamen von Westen, schlugen vor die hohen Mauern und wurden in Energie umgewandelt. Aber im Osten, im Windschatten der Mauern, lag unter freiem Himmel eine zweite Stadt aus Plastikkugeln und Metallhütten. In ihnen hausten die Heruntergekommenen, Außenseiter und Kranken. Hier ballten sich die Schiffslosen.
    Dahinter, noch weiter im Osten: die Steinstadt.
    Die Ul-nayileith, die vor fünftausend Jahren hier gelandet waren, konnten nie in Erfahrung bringen, warum und wie lange schon diese Stadt den Winden standgehalten hatte. Die ullischen Machthaber jener Zeit waren, wie man sagte, arrogant und neugierig gewesen. Sie hatten versucht, dem Geheimnis der Stadt auf die Spur zu kommen, durchforschten die verwinkelten Gassen, bestiegen schmale Treppen und untersuchten die dichtgedrängten Türme und abgeflachten Pyramiden. Unter der Erde entdeckten sie einen Irrgarten aus endlosen, dunklen Gängen. Sie verschafften sich einen Überblick über die Größe der Stadt, wühlten Staub auf und trafen überall auf beängstigende Stille. Aber nirgends begegneten ihnen die Erbauer.
    Überdruß und zunehmende Furcht hatten schließlich die Ul-nayileith zum Verlassen der Steinstadt bewogen. Tausende von Jahren mied man die steinernen Gebäude und Gassen, und die Mystifizierung der Erbauer nahm ihren Anfang. Gleichzeitig begann auch der lange Abstieg der älteren Rasse.
    Die Ul-mennaleith vergöttern mittlerweile nur noch die Ul-nayileith. Die Dan'lai haben niemanden, den sie anbeten. Und wer weiß, wem die Menschen huldigen. Wie dem auch sei, in der Steinstadt waren wieder  Geräusche zu hören. Schritte hallten durch die windigen Gassen.
    Die Skelette hingen in der Wand.
    Sie waren ohne erkennbare Ordnung über dem zweiflügeligen Tor angebracht worden; elf Skelette insgesamt, teilweise eingesunken im nahtlosen ullischen Metall, teilweise den Stürmen der Durchgangswelt ausgesetzt. Einige steckten tiefer in der Wand als andere. Hoch oben rasselte das frische Skelett eines namenlosen Flügelwesens im Wind, ein loses Sammelsurium von hohlen, leichten Knochen, nur an Hand- und Fußgelenken mit der Wand verschweißt. Darunter, rechts über dem Torbogen, stakten nur die gelben Rippen eines Linkellars wie Faßdauben heraus.
    MacDonalds Skelett war tief im Metall eingesunken. Nur der Torso, die Füße und die Hände waren zu sehen (eine Hand hielt noch immer einen Laser). Und der Schädel natürlich — ausgeblichen, halb zertrümmert und nach wie vor abschreckend. Die Augenlöcher blickten jeden Morgen auf Holt herab, wenn er durch das Portal ging, und manchmal, im Zwielicht der Dämmerung, hatte er den Eindruck, als starrten sie ihm schon von weitem entgegen.
    Aber seit Monaten konnte ihn der Anblick nicht mehr abschrecken. Früher war es noch anders gewesen,

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