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Samuel Carver 05 - Collapse

Samuel Carver 05 - Collapse

Titel: Samuel Carver 05 - Collapse
Autoren: Tom Cain
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Vorspiel
    East Hampton, New York, 5. Juni 2007
    Malachi Zorn trat aus seinem Haus an der Lily Pond Road und schlenderte über den Rasen zu dem Weg, der zum Strand hinunterführte. Er war ein mittelgroßer, schmal gebauter Mann mit wirren, schmutzig blonden Haaren, der das ganze Jahr über braun war, weil er schon sein Leben lang regelmäßig Sport trieb. Die Frühsommersonne gab seinem Dreitagebart einen goldenen Schimmer. Er trug ein altes hellblaues Button-Down-Hemd von Brooks Brothers, das stellenweise verschossen und an den Kragenspitzen ausgefranst war. Es hing ihm lose über die khakifarbenen Cargohosen. Er war barfuß.
    Kurz blieb er stehen und sah angewidert zu dem Gebäude, das auf dem Nachbargrundstück hochgezogen wurde. Ein Hedgefondsmanager hatte das elegante, achtzig Jahre alte Haus, das vorher dort gestanden hatte, abreißen lassen und baute sich nun einen Tempel der Geschmacklosigkeit und des Übermaßes. Zorns mit Schindeln verkleidetes Strandhaus mit dem Giebeldach und der gemütlichen, seeseitigen Veranda, das 1896 ein Schüler Stanford Whites entworfen hatte, wirkte dagegen zwergenhaft. Das Monstrum des Nachbarn stand für alles, was Zorn an diesen amoralischen, raffgierigen, vulgären Typen verabscheute. Sie hatten die Wallstreet in eine gigantische Melkmaschine verwandelt, um den gewöhnlichen Amerikanern das Geld abzuknöpfen und sich mit dem Profit die eigenen Taschen zu füllen.
    Mühsam drängte er seine schäumende Wut zurück und ging weiter. Er wollte sich nicht den Tag verderben lassen, und schon gar nicht sollte das seine Gedankengänge stören. Am Strandgenoss er den warmen Sand unter den Füßen und ließ sich die anrollenden Wellen um die Knöchel wirbeln. Eine Weile stand er da und schaute aufs Meer hinaus, ohne den Ausblick wirklich wahrzunehmen. Schließlich nickte er entschieden, machte kehrt und lief zum Haus zurück.
    Fünf Minuten später, nachdem er sich eine Tasse starken Kaffee gekocht und zwei selbst gebackene Kekse aus der großen Glasdose genommen hatte, saß er wieder an seinem Arbeitsplatz, vor sich acht Flachbildschirme in zwei Reihen übereinander. Darauf liefen Dauerstreams von Real-Time-Marktdaten, in- und ausländischen Nachrichtensendungen und Newssites. Auf seinem Schreibtisch lag ein gelber Notizblock neben dem alten Kaffeebecher aus Harvard, in dem lauter gespitzte Bleistifte des Härtegrades HH standen. Zorn setzte den Bluetooth-Telefonhörer auf und blickte auf den einzigen anderen Gegenstand auf dem Schreibtisch: ein zwanzig Jahre altes Foto seiner Eltern. »Das ist für euch«, murmelte er und drückte eine Kurzwahltaste.
    Als der Anruf entgegengenommen wurde, gab es weder Begrüßung noch Smalltalk, sondern nur eine simple Anweisung. »Ich möchte einen Short Call auf Lehman«, sagte Zorn. »Beginnen Sie mit einhundert in Drei-Monats-Optionen. Halten Sie sich bereit, mehr zu zeichnen.«
    »Sind Sie sicher, Mal?«, fragte der Angerufene dezent überrascht. Diesen Ton behielt ein Broker seinen Kunden vor, wenn sie sich auf etwas Verrücktes einlassen wollten. »Lehman-Aktien stehen bei knapp achtzig und steigen weiter. Sie haben hundert Millionen Dollar und sagen, es geht in die andere Richtung?«
    »Ja.«
    »Okay. Es ist Ihr Geld, und Sie haben bisher immer richtiggelegen, aber …«
    »Kein Aber. Tun Sie es. Und noch etwas: Wie hoch ist im Augenblick die Prämie bei Lehmans Kreditausfall-Swaps?«
    »Weniger als ein Basispunkt, paar Zehntel vielleicht … Aber warum wollen Sie das wissen? Sie wollen wetten, dass eine hundertfünfzig Jahre alte Bank –«
    »»Hundertsiebenundfünfzig Jahre, um genau zu sein.«
    »Wie auch immer … Sie meinen, dass diese altehrwürdige Institution, die viertgrößte Bank der amerikanischen Finanzindustrie, kurz vor dem Zusammenbruch steht?«
    »So ist es. Irgendwann in den nächsten ein, zwei Jahren, behaupte ich. Investieren Sie zehn Milliarden Dollar in Lehmans Kreditausfall-Swaps. Wenn sie Ihnen mehr verkaufen wollen, kaufen Sie. Hören Sie nicht auf.«
    »Sie riskieren Millionen, wissen Sie das?«
    »Ich riskiere zwei Zehntel von einem Prozent auf zehn Milliarden. Das ist kein schlechtes Geschäft. Also machen Sie’s.«
    »Alles klar …«
    »Und mein Name erscheint nirgendwo. An keiner Stelle.«
    Penthouse Executive Club, 45th Street, New York City: 18. September 2008
    »Wie haben Sie das gemacht, Mal? Mensch, Sie haben mir angekündigt, dass Lehman Brothers abstürzt. Ich dachte, Sie sind total verrückt geworden.

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