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Saftschubse - Lies, A: Saftschubse

Saftschubse - Lies, A: Saftschubse

Titel: Saftschubse - Lies, A: Saftschubse
Autoren: Annette Lies
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1.
    »Musst du mit der Erkältung
nicht am Check-in arbeiten?«
    »Rufen Sie bitte meinen Anschlussflug an? Ich möchte noch in den Duty-free-Shop und werde mich verspäten.«
    (ATH – MUC)
    So habe ich mir mein neues Leben nicht vorgestellt. Ich wollte Glamour, Abenteuer, ab und zu eine Hummerschere und einen Piloten, der mir auf Capri einen Antrag macht. Stattdessen sehe ich in die Augen von Dr. Renner.
    »Hatten Sie in letzter Zeit traumatische Erlebnisse?«
    Mir ist, als könne die Untersuchung hier ein solches werden. Überhaupt habe ich gar kein gutes Gefühl mehr. Ich wollte eigentlich nur, dass er mal kurz einen kleinen Holzspatel aus kanadischer Nadeltanne nimmt, den Zustand meiner Mandeln abnickt und mir ein unverkäufliches Muster zusteckt, das in etwa so klingt wie Broncho Aero forte , damit ich die Druckluftkabine mit Tragflächen besteigen kann.
    Aber anstatt Koffer zu packen für Bagdad, sitze ich jetzt hier in der Praxis. Schon wieder mit diesen nervtötenden Hitzewallungen einer Frau in den Wechseljahren und gleichzeitig zitternd wie ein Hund im Regen. Ich meine allen Ernstes, so etwas wie »Sonografie« gehört zu haben. Dabei bin ich unter dreißig. Kein Alter also, in dem man sich die Tage mit Krankheiten vertreibt. Vor allem nicht, wenn ein paar brennende Ölquellen und ein hübscher Pool auf einen warten.
    »In den Irak?!«, fragte meine Schwester entsetzt, als ich ihr meinen neuen Dienstplan unter die Nase hielt. »Kannst du nicht nach Dubai?«
    »Nicht immer«, antwortete ich betont lässig, spülte meine eigenen Bedenken mit einer Tasse »Tu dir gut«-Eukalyptus-Anis-Fenchel-Tee hinunter und beschloss, wie immer alles positiv zu sehen.
    Ich bin Stewardess, und das ist auch gut so! Da muss man eben auch mal an Orte, an denen es keine All-inclusive-Clubs mit Wasserballtoren in den Schwimmbecken gibt. Wobei meine derzeitige körperliche Konstitution es sogar zuließe, dass ich selbst auf der Talabfahrt in Aspen nichts als meinen Bond-Girl-Bikini trage. (Okay, nach Colorado fliegen wir gar nicht, aber rein theoretisch …)
    Nachdenklich blicke ich auf, um Dr. Renners Frage zu beantworten, und löse meinen Blick vom sehr schicken Fischgrätparkett seines Behandlungszimmers. Das letzte Mal, dass ich einem Arzt gegenübersaß, ist Ewigkeiten her und war beileibe kein gesellschaftliches Highlight: Der wohltemperierte Whirlpool des Crewhotels in Tokio bescherte nicht nur mir ein warmes Plätzchen, sondern auch jeder Menge gramnegativer Bakterien, von deren Exotik mein Gynäkologe unverhohlen begeistert war. Ich vermute, wenn man sonst nur Einzeller aus der Therme Erding zu Gesicht bekommt, fällt es wirklich nicht leicht, ein Mittel zu verschreiben, das die seltenen Lebewesen vernichtet.
    Ich lasse meine Füße rücksichtsvoll wenige Zentimeter über dem Boden schweben und nehme in Dr. Renners Bauhausstuhl eine sehr verkrampfte Haltung ein. Aus meinem früheren Job weiß ich nämlich, dass nur Schreibtischstuhlrollen resistentes Würfelparkett und Hundepfoten abweisender rustikaler Walnussschiffboden Pfennigabsätze und heruntergefallene Oil of Olaz-Tiegel vollkommen verzeihen. Dummerweise wird mir von dieser Akrobatik nur noch heißer, meine Wangen glühen.
    Dabei ist es in der Praxis eigentlich angenehm kühl. Sie befindet sich im Erdgeschoss, in schönen hohen Altbauräumen mit weißen Wänden und Stuck an der Decke. Vor dem Fenster ist alles grün, und eine große Birke weht sanft im Wind. Ein wohltuender Kontrast zu meinem Arbeitsplatz. Alleine die Luftfeuchtigkeit hier ist bestechend.
    Ob ich Dr. Renner einfach mal frage, wie es um den Christian Louboutin-Pumps-Härtegrad seines Bodens bestellt ist? Aber vermutlich wäre eine Gegenfrage eher unhöflich, solange ich nicht einmal seine beantwortet habe.
    Ich versuche, meine Beine elegant anders übereinanderzuschlagen, und rutsche wenig galant ab, womit zumindest die Frage der Trittschalldämpfung geklärt ist. Mein neu gewählter Arzt zuckt merklich zusammen. Dann kritzelt er eifrig in eine frische weiße Krankenakte, die er immer weiter nach unten aufklappt. Nun ja, ich vermute, Worte wie Fortgeschrittene Hyperthermie sind eben einfach ein bisschen raumfordernder als Patientin schwitzt .
    Noch bevor ich erwähnen kann, dass ich auch kaum noch schlafe und ständig Hunger habe (trotz intensiver und konstanter Kalorienzufuhr durch marzipanhaltige Pudding-Desserts, Bio-Barbarie-Enten und ganze Säcke vorwiegend festkochender Speisekartoffeln der

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